Donnerstag, 6. März 2014
Eso-, Psycho-, Latex und VertriebsPuff (Aus: "Mit dem Dalai Lama nach Auschwitz")
fahfahrian, 18:55h
Als ich ihr das erste Mal "begegnete“, das war bei einem esoterisch angehauchten Seminar irgendwo in einem Landhotel, fernab der Zivilisation, im Schwanzwald, der Eifel oder so. Wo Fuchs und Hase seit langer Zeit ausgestorben waren an Langeweile.
Eine dürre Blonde versuchte krampfhaft, mich in Trance zu versetzen, mitten auf dem Parkplatz. "Uwinding" nannte sich das, was wir da zu üben hatten. Dabei bewegt man sich in irgendwelchen spontan-tänzerischen Bewegungen zurück in seine eigene Vergangenheit, hiess es. Unbewusst. Naja, sowas eben. Dem liegt die Idee zugrunde, subtile hypnotische Befehle von aussen, die dazu geschlossenen Augen und das Bewegen entsprechend des jeweilige Befindens könnten dazu verhelfen, tatsächlich in die eigene Lebensgeschichte zurückzugehen und dort Probleme zu beheben. Na gut, dachte ich mir. Ich hatte schon verrücktere Dinge gemacht. Dass ich wirklich irgendwie abtauchte, lag gewiss weniger an dem, was die Blonde redete. Obwohl sie mich insgesamt überhaupt nicht anmachte, hatte ihr Mund etwas, das mich darüber nachdenken liess, wie er wohl bei einem richtig heftigen Arschfick aussehen würde, oder wie sie bläst. Die sah mir mehr nach „Zahnarbeit“ aus, also denen, die einer Beratetante im Frauenmagazin glaubte, dass der Einsatz ihrer Zähne an der Nille echten Lustgewinn bringt für den Partner. Den Eifer ihres Redeschwalles dahin übertragend verlor auch diese Vorstellung jeden Reiz. Sowas tut weh, wenn es nicht richtig gemacht wird. Und das können die Wenigsten. Immerhin blieb die Vorstellung ihres Ausdrucks beim unvermittelten Sturm auf ihre Arschmöse. Ausgeglichene Stimmungslage. Geht so.
Ich ruderte also etwas mit den Armen, ging rückwärts in der Hoffnung, eine gefahrlose Richtung zu erwischen und nicht auf den Autos oder am Zaun zu landen und hörte das Gelalle von wegen Entspannung und Loslassen und Zurückfliessen an und:
„BOAFF!“ (In meinem Kopf.)
Da sah ich plötzlich etwas Anderes.
Sonst ist es so schwarz-rot-grau hinter meinen geschlossenen Augen. Je nach Helligkeit verschieden aber immer so ähnlich; langweilig halt. Doch was ich jetzt sah, richtig sah, war hell und deutlich und klar! WOW!
Eine Frau stand mitten in einer Wiese, drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis, dass ihr Rock flog und die Bluse flatterte. Sie lachte hell. Ganz in weiss und strahlend war sie gekleidet. Ihr Lachen war ansteckend. Ihre Augen luden mich ein, sie weiter anzuschauen. Normalerweise hätte ich sofort nach den Titten, den Fesseln, dem Arsch geschaut, doch war ich in diesem Moment frei davon.
Mir gefiel es einfach, diesen Anblick so zu geniessen, ohne jede Focussierung. Da fiel mir auf, dass jedesmal, wenn sie mir den Rücken zukehrte, es dort dunkler wurde. Grau, und immer mehr schwarze Konturen und Glanz wurde erkennbar, und, noch eine Frau! Sie ganz in Schwarz, in das engste, dünnste und glänzenste Latex gehüllt, das es je geben wird, nur die Haut von so unglaublich-wahnsinnig geiler Blässe. Oh-WOWI
Die Wahnsinnstitten und die Fotze sprangen förmlich heraus aus diesem Anzug, der in die High-Heel-Stiefel überging und sonst nur das Oval des Gesichtes freiliess. Und alles beringt,- ich meine ALLES BERINGT. Nippel und Klitoris, das war einfach nicht zu übersehen; als wenn ich das gewollt hätte.. WOW!!
Es war ein Lachen, ein Kreisen, ein stilles Einverständnis, das keine Worte brauchte. Ich meine, sie, oder diese Beiden, - wie auch immer -, wussten ALLES von mir. Und mehr als ich. Und ich war einverstanden.
Ich fand das gut. Und besser. Das Beste seit Jahren.
Vielleicht sogar überhaupt das Beste.
Dass ich mich mit ihr, dieser Doppelfrau, zu drehen begonnen hatte, wurde mir erst klar, als ich ziemlich schmerzhaft auf dem Boden landete. Verwirrt sah ich mich um. Ich schloss schnell wieder die Augen.
Nichts zu machen; die übliche, langweilige, althergebrachte Scheisse.
Der Blonden spendierte ich anschliessend noch einen Kaffee, bei dem sie sich ereiferte über den grossen Erfolg, den es bei mir doch gegeben habe. Ich müsse natürlich nichts darüber sagen, das würde sie verstehen. Sie war Psychologin. Das erklärt alles für mich. Diplomierte Psycho – Tante.
Ich liess sie reden, betrachtete belustigt diesen Mund, der sich endlos bewegte und bewegte, der mich jetzt null mehr interessierte.
Mehr als alles Andere war ich traurig. Die Gewissheit, nicht einmal EINE der beiden Frauen jemals haben zu können, siegte sehr schnell über die irre, kurz aufflackernde Hoffnung in mir, sie beide zu bekommen.
Kritisch wurde es an dem Punkt, dass ich wusste, dass ich „sie“ liebe. Welche „sie"? Welche der beiden? Falscher Ansatz. "Sie?“ war für mich das Ganze, eins, eine Einheit; etwas, das ich fühlen, aber micht verstehen und nicht einmal ansatzweise artikulieren konnte.
Ich überlegte kurz, mich vielleicht doch tatsächlich in die Behandlung meiner wortreichen Begleiterin zu begeben, doch verwarf ich das sofort wieder. Mein Wahnsinn war mir bedeutend lieber als der Schwachsinn, den sie unausgesetzt predigte.
Am Abend, alleine im Hotelzimmer, hatte ich meine Freude daran, zu entdecken, dass ich mich nur erinnerte, dass ich „sie“, meine Doppelfrau, liebe. Dass ich sie schon immer geliebt habe und das zweifellos auch immer weiter tun werde.
Ich entwickelte die - damals mehr unterhaltsam-humoristisch gemeinte -Theorie, dass meine Beziehungsprobleme daher rührten, dass ich ja ganz jemand anderes liebe, den es zudem überhauptnicht gibt. So gesehen wurde doch verständlich, wieso ich Ehefrau und zwei Freundinnen und an allen Ecken und Enden nur Stress hatte.
Doch im Grunde war ich traurig, begann ich zu leiden. Es begann an diesem Tag mein Liebeskummer, der mich lange Jahre begleiten und mir das volle Programm von Wahnsinn bis fast Verrecken bringen sollte. Sie, die ich da gesehen hatte, vergass ich nie wirklich, und doch konnte ich mir nie wieder dieses Bild herholen, es, sie, nie wieder ganz genau ansehen.
Was ich entdeckte in der Zeit, bei den endlosen Versuchen, es doch noch zu schaffen und einen Blick zu erhaschen, war, wie majestätisch ihre Bewegung, wie unglaublich stark ihre Präsenz, wie vertraut mir ihr Wesen war; wie unvorstellbar ich mich nach ihr sehnte.
Mich ihrer zu erinnern, kostete seinen Preis. Einen hohen Preis, denn die Frauen, die mir begegneten, brachten es in meiner Werteskale allenfalls zu Comic-Gestalten. Hatte ich früher schon oft dankend abgelehnt, wenn mir ein Fick angeboten wurde, so machte ich mir das nun umso mehr zur regelmässigen Gewohnheit.
Die Eso-und Psychoszene ist ein wirklich lebhafter Umschlagplatz für traurige Ficks aller Art. Ich weiss das, schliesslich war ich jahrelang dabei. Nach Channeling, Reiki, NLP, Feldenkrais, Yoga, Gestalttherapie,- und wie der Mist auch immer heissen mag,- es folgt jeweils unaufhaltsam das Stopfen aller verfügbarer Löcher in den Nächten zwischen den Seminartagen. Man braucht nicht mal etwas zu tun dafür. Am Rande herumhängen genügt. Irgendeine, die tagsüber gottweisswasfür Probleme in ihrer Zeit als analsadistisches Kleinkind wälzte, reisst Dir in der Nacht halb den Schwanz heraus, um die Lücke zu stopfen, die das Fehlen dieser Sorgen nun hinterliess. Zuvor war ich noch öfter in die "Tür-Situation" geraten. Weil ich bis zuletzt unschlüssig war, ob es die Scheisse wert ist oder nicht. Begann jedoch dann das Hereinkommen-Ritual, hatte ich zumeist wirklich meine klare Sicht der Dinge wieder erlangt. Da war mein Zimmer für mich allein und meine flinken und gesunden Hände, alles unheimlich toll und nicht zu vergleichen mit dem, was mich mit dieser nun ein Stück mehr selbstverwirklichten Frau erwarten würde. Ich wurde vorsichtiger und vermied diese „kommts-du-noch-mit-herein-Situation“ einfach.
Jetzt geschah mir das nur noch ein- oder zweimal. Pure Unvorsicht. Einmal ging ich ein wenig zurück, als sie küssen wollte. Ich sah ihre Zunge herauskommen und verwirrt und deplaziert in der Luft hängen. Da lachte ich. Sie fand das offenbar nicht so komisch und sprach den Rest der Zeit kein Wort mehr mit mir. Ein Verlust, den ich keinen Moment bedauerte.
Für den wirklichen Verlust hielt ich den meines Verstandes.
Nur zeitweise gefiel ich mir in der Rolle des wirklich Verrückten, des echt Bescheuerten, der eine Doppelfrau liebt, die es nicht gibt. Es gab Momente der Angst in mir, echter Angst. Der Schluss, der sich aufdrängte für mich dann, war: Wenn ich schon sowas glaube, bin ich nicht soweit davon entfernt, eines Tages als Jesus oder Napoleon aufzustehen!
Die Frage, wer sie ist, stellte ich mir nie. Selbst bei der Frage, WAS sie sein könnte, war ich schon vorsichtig. Auf dünnem Eis sah ich mich da spazieren gehen; und ob es im Irrenhaus auf Dauer so lustig wäre, das hielt ich auch für eher unwahrscheinlich. So blieb es für mich bei dem, was unleugnbar und echt wahr: Meiner Sehnsucht nach ihr, meinem Schmerz, nicht bei ihr sein zu können, meiner tiefen, qualvoll-verzweifelten Liebe, die ich hoffnungslos glaubte; und ohne die ich dennoch nicht weiterleben mochte.
Ich erinnere mich an eine Nacht, die typisch ist für die Zeit, in der ich immer wieder den Entschluss fasste, mein Hirn so oder so in den Griff zu kriegen, also meine Doppelfrau irgendwie loszuwerden, mich zu exorzieren oder sowas, oder mich wirklich auf die Suche nach ihr zu machen, was natürlich beides gleichermassen schwachsinnig und undurchführbar war, wenn ich genauer überlegte. Doch das konnte ich manchmal vermeiden. Damals nahm ich an einer Supervisionsgruppe, einer Trainigsgruppe, die die Psycho-Ausbildung begleitete, die ich gerade absolvierte, teil. Zweimal monatlich traf man sich übers Wochenende in einem Hotel, das der Frau des Trainers gehörte. Eine recht kleine Gruppe, bestehend aus vier Männern und zwei Frauen als Teilnehmern. Ich war recht gerne dort. Nach kurzer Zeit machten es sich der Trainer, Jean-Claude, ein anderer Teilnehmer, das war Jaques und ich, es uns zur regelmässigen Gewohnheit, den Psycho-Müll des Tages mit wahren Strömen von Alkohol herunterzuspülen in den Nächten.
Jean-Claude kannte ich schon vorher, von der eigentlichen Ausbildungsgruppe, wo er als Co-Trainer mitarbeitete. Er hatte sofort meinen Kontakt gesucht. Wir verstanden uns recht gut. Aber sein eigentlicher Beweggrund, den er kaum zu verhehlen vermochte, waren meine geschäftlichen Kontakte. Ich war zu dieser Zeit der Zweithöchste in der Hierarchie eines 2.000-Mann.Vertriebes, selbst ganz gut im Geschäft und konnte Verkaufstrainings und Coachings vermitteln. Und das wollte Jean-Claude sehr gerne. Er träumte immer davon, endlich im Business arbeiten und die ganze Eso-Scheisse, die er für das normale Seminarpublikum anbieten musste, endlich hin zuschmeissen zu können. Deswegen bemühte er sich um mich.
Für mich war es Alltag, Sales-Gruppen abzuhalten, Kommunikationstechnik zu vermitteln, die Leitungsebene der Geschäftsstellen meiner Firma zu coachen und unsere Trainer zu trainieren. Ich lebte davon. Jean-Claude konnte nicht genug davon bekommen, wenn ich ihm davon erzählte. Die Trainigsunterlagen, die ich sowieso jedem Teilnehmer aushändigte, studierte er mit einem Eifer, der mich staunen machte.
Ja, der gute Jean-Claude wollte raus. Er hatte das seichte Gelalle von den feinen Energien der Meridiane ebenso satt, wie die ewig-gleichen Hypnoseinduktionen, wie die verzweifelt-notgeilen Mittelstandsehefrauen, die durchgeknallten Karriereweiber, die sich dann abends einen kosmischen Fick erhofften. Armer Hund. Ich wollte gerne helfen.
Raus wollte ich auch. Nur hatte ich im Gegensatz zu ihm keine Ahnung, wohin. Das, was Jean-Claude für so erstrebenswert hielt, hatte ich. Ich verdiente einen Haufen Geld, konnte im Geschäft grösstenteils machen, wie ich wollte, solange die Zahlen nur stimmten, war in Sachen Karre, Armbanduhren und Kleidung auch schon eine Stufe weiter und pflegte mein mehr oder minder gediegenes Understatement, nachdem ich meinen Daimler gegen einen Saab und allen anderen Protzkram genauso passend ausgetauscht hatte.
Oh ja, so richtig gut drauf, sah ich aus. Hoffte ich zu wirken. Eigentlich war es kein so grosser Unterschied für mich. Von der Seite her, wie ich die Sachen benutzte. Die Karre fuhr mich von hier nach da. Bequem und schnell; beide Dinger, ob Saab oder Daimler. Kostenmässig auch kein wesentlicher Unterschied.
Aber beim Publikum halt, da machte es schon Eindruck. Ich kam gerade in die richtige Zeit dafür. Selbst bei den knallharten Vertrieblern, die einfach alles an Jeden verkaufen, zeichnete sich dieser Modewechsel ab. Ein Hauch von Eso war extrem in und Protz bekam immer mehr den Geschmack von Prolo. Na gut, ich war dabei. Die Haare immer länger und auf dem Weg zum Zopf. Kein Thema, ich machte mit. Dass es mir nicht wirklich viel brachte, vielleicht lag das auch an mir. Die Anzahl meiner seminaranschliessenden Fickablehnungen erhöhte sich. Was mir auch nichts half.
Psycho-Ausbildungen lagen auch voll im Trend. Ich entschied mich dazu. Die Technik-Geschichten wie Rhetorik, Verkauf, Management und die vielen-vielen Zeit- und Organisationsseminare hatte ich hinter mir. Und die Bosse liebten es, wenn im Büro ihres Vorzeigepferdchens möglichst viele Zertifikate an den Händen hingen. "Meiner kann aber das!" - "Und meiner hat den Abschluss!", - als würden sie sich gegenseitig die Schwänze zeigen, die Typen. Dass ich kein Psycho werden, niemals Therapie machen wollte, war mir nach dem ersten halben Jahr schon klar.
Der Unterschied, von dem ich annahm, dass es ihn gäbe, zwischen den Vertriebsleuten, die ich bis dahin für sehr oberflächlich und primitiv gehalten hatte, und der Psycho/Eso-Szene, war bei genauer Untersuchung einfach nicht vorhanden. Dafür die gleichen Defizite, das gleiche Ritualisieren. Die gleiche Scheisse. Nur in einer anderen Sprache. Doch für mich gab es nichts her, statt "Shit" nun ein ach so gepflegtes "Merde", statt „Fotze“ nun „Yoni“ und „Schwanz“ gegen „Phallus“ austauschend zu hören. Ob norddeutsch oder suaheli-Slang; die Köpfe waren immer noch voller Scheisse, die Töne von sich gab.
Selbst die Trainer waren im Grunde arme Teufel. Sie sprachen nicht nur oft darüber, dass sie nichts wirklich wussten, sondern machten sich auch noch selbst damit fertig. So privat, nach Geschäftsschluss. Das kannte ich von den Geschäftsleuten weniger. Konnte aus meiner Sicht damit zusammenhängen, dass die Businesstypen bedeutend mehr Geld hatten.
Insgesamt gab es nicht viel Neues. Den Geschäftsleuten bereitete es Probleme, dass sie viel Geld hatten und die Eso-Psychos fanden es ebenso bedrückend, zu wenig Geld zu haben. Beide leiteten eine Unmenge von Theorien und Schlüssen davon ab, mit denen sie dann viel zu tun hatten.
Das versuchte ich Jean-Claude klarzumachen. Erfolglos. Er sah es nicht ein, dass es keinen grossen Unterschied, macht, dauernd die Endpunkte verschiedener Meridiane zu drücken, oder zum zehntausendsten Mal über Reizreaktionskonditionierung und Verhandlungstechnik zu referieren.
Dass ich das Vielfache verdiente, war nicht von der Hand zu weisen. Darauf hatte er es erstmal abgesehen. Vielleicht, wahrscheinlich in der Hoffnung, es dann weit besser zu machen als ich?
Meine wahren Bedenken, dass er es nicht schaffen würde, den Leuten aus dem Geschäftsleben Herr zu werden, äusserte ich nie so offen, wie ich es hätte tun sollen aus heutiger Sicht. Später, als ich selbst auch Eso/Psycho-Gruppen abhielt, sah ich deutlichst bestätigt, was ich damals schon als Übertragung aus meiner eigenen Verkaufs- und Seminarpraxis vermutete: Du kannst diesem Publikum so ziemlich alles verkaufen. Den grössten Schwachsinn! Hier, in der Eso/Psycho-Szene brauchte es keine echten Beweise, keine wiederholbaren Funktionalitäten. Es war so bequem, so leicht!
Klappt eine Demonstration beispielsweise nicht, war dein Klient "nicht so weit" oder "nicht wirklich bereit", gab es "unbewusste Widerstände, die zu respektieren seien" und allsowas. Also immer Auswege ohne Ende.
Wenn du Sales unterrichtest zum Beispiel, läuft das nicht. Beim Telefonmarketing wurden bei mir in den letzten Tagen immer ECHTE Kontakte gemacht. Und meine Teilnehmer bekamen Termine oder nicht. Die Gespräche liefen vor der Gruppe ab und alle hörten mit. Wenn etwas nicht stimmte, ganz gleich, was es betraf, den technischen Fundus oder den Übertrag in den Teilnehmer, begriff das die Gruppe sehr-sehr schnell. Und etwas zuviel davon, schon war die Besprechung meiner Seminarbeurteilung beim Vorstand kein reines Vergnügen mehr. Meine Bosse holten sich Infos von beiden Seiten ein: Von mir über die Teilnehmer, und von denen über mich und meine Arbeit. Hier ging es um Ergebnisse, die man immer wieder wiederholen kann. Pur. Sonst nichts wurde bezahlt.
Jean-Claude unter diesem Druck? Das hielt ich für fragwürdig. Ein ordentlicher rhetorischer Punch genügte, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Das hatte ich ausprobiert.
Meine Leute würden ihn vor der ersten Pause auffressen, durchkauen und ausspucken, das war meine Prognose.
Und von ihm liess ich mich ausbilden, mich supervidieren? Eigentlich nicht. Mir war mein Abschluss egal und mit ihm Schwachsinn zu veranstalten, auch während der bezahlten Seminarstunden, machte mir irren Spass. Darin war er gross. Ganz gross und kreativ. So auch Jaques, ein gescheiterter Konzertpianist, der jetzt als Barkeeper arbeitete. Er brauchte nicht zu sagen, dass er alles aufgegeben hatte und bei der Gruppe war, weil er sich sonst vielleicht eine Kugel in den Kopf jagen oder irgendwo herunterspringen würde. Durchgeknallt war er und zu allem bereit, sich die Zeit zu vertreiben und zu vergessen; selbst wenn es sich um Psycho- Bullshit handelte.
Dieses Trio fand sich nach Seminarschluss, wenn der Rest gegangen war, jeweils an einem kleinen Tisch in einer Nische des Restaurants, das zum Hotel gehörte, zusammen.
Helene, Jean-Claudes Frau, unternahm immer noch einen allerletzten Rettungsversuch und bat ihren Ehemann, sich doch zurückzuhalten, wenigstens auf den Whiskey zu verzichten. Das war auch ein ritueller Teil. Der, bevor sie die Flaschen brachte und auf den Tisch stellte: Für mich war immer eine Flasche Tequila da. Extra eingekauft, denn sonst fragte niemand danach. Für Jean-Claude die Whiskey-Flasche. Und Jaques hielt sich an sein geliebtes Bier, das er ebenso schnell wie zielgerichtet laufen liess, um die allgemeine Geschwindigkeit des Abdriftens zu halten.
Ich zahlte. Bezahlte alles. Auch das ein Grund dafür, dass ich bei den Beiden so überaus beliebt war. Mir bedeutete das Geld nichts, es waren die berühmten Peanuts im Vergleich zu dem, was mich ein Abend in der Seilschaft meiner Bosse kostete, in dieser Tennis-Bar dieses Ex-Boxers zum Beispiel in Bad Homburg, wenn ich mich richtig erinnere.
Die erste halbe Stunde verlief in der Regel ruhig und fast wortlos. Jeder kippte nach Kräften sein Zeug weg und schüttelte beim Gedanken an die Ereignisse des Tages den Kopf. Manchmal schüttelte es mich auch am ganzen Körper, wenn die richtig ekligen Sachen besprochen worden waren. Schwule Scheisse und Mutterliebe, die man nie wieder kriegt. Solch eine wirklich kleine Gruppe, aber alles, wirklich ALLES vorhanden. Da blieb Dir nichts, aber auch garnichts erspart. Dass sie dir die Damenbinden nicht im Gesicht rumrieben oder die gebrauchten Tampons in die Nase steckten, um die dezidierte Schilderung irgendwelcher Menstruationsprobleme zu erhärten, die also Folge der Begegnung mit einem Mann mit grüner Jacke im Alter von drei Jahren nun unweigerlich auftraten, das war wirklich auch alles! Nach einer halben Flasche Tequila spielte das keine so grosse Rolle mehr für mich. Den ganzen Tag hatte ich schon versucht darüber zu lachen, über diese Scheisse, aber sowas wie ein bitter-klebriger Geschmack war doch geblieben. Jetzt fühlte ich mich besser, konnte ich anfangen, es wirklich lustig zu finden. Ob es den anderen Beiden auch so ging, habe ich nie herausgefunden. Wir begannen herumzualbern irgendwann, uns über andere Gäste lustig zu machen. Dafür waren wir bekannt. Niemand nahm das übel. Doch einer, einmal. Ein kleiner Möchtegern-Nazi mit hochempfindlichen Seelchen, wenn es um seine Frisur ging, die ich für einen „Hitler-Frei-zeitschnitt hielt“. Am unteren Ende meiner Flasche angekommen liess ich mich nicht lumpen und ihn vor der Tür am Boden liegen. Er hatte statt mir Jaques angegriffen, als der zur Toilette gehen wollte. Wahrscheinlich, weil der der Schmächtigste war und so schwach aussah, wie er auch wirklich war. Ich griff mir das Arschloch und gab ihm Zeit, sich die Sache beim kurzatmigen Röcheln zu überlegen.
Ja, 15 Jahre Kampfsport hatten sich doch gelohnt. Was war ich doch für ein grosser Held! Ein elendiges Arschloch, das ich verabscheute; so gesehen also genau richtig in der Psycho-Gruppe, nicht?
Jedenfalls hatte das die so angenehme Folge, dass man uns in Ruhe liess.
Ok, wir waren etwas laut, lachten hysterisch und kommentierten das, was wir beobachteten. Darunter auch die anderen Leute.
Doch wirklich penetrant waren wir nicht. Dazu musste man uns schon provozieren, wie es dieses Nazi-Schwein getan hatte.
Jean-Claude übernahm es gerne, wirre Geschichten zu erzählen. Von dem, was er alles ausprobiert hatte in Sachen Persönlichkeitsentwicklung und Esoterik und Magie.
Und Jean-Claude hatte es wirklich wissen wollen. Als er auf Pyramidenenergie abfuhr, war er wochenlang mit einer Kopfbedeckung, einer Art Pyramidenhut herumgelaufen, die ihn völlig kirre machte. Da er dies für eine vorübergehende Nebenwirkung der segensreichen Energie der Wissenden hielt, fand er sogar Wege, um mit dem Ding auf dem Schädel zu schlafen. Irgendwie, ich weiss es nicht mehr, hatte der Hund den Hut zu fassen bekommen und im Aquarium versenkt. Der Hut war Ok, aber die Fische tot. Und Jean-Claudes gesamte Therapie zum Teufel, weil die Anwendungszeit unterbrochen worden war. Wahrscheinlich waren die Fische noch nicht soweit, sich für eine Heilung zu öffnen, innere, unbewusste Widerstände, so könnte man mutmassen.
Ich dachte mir eher, dass dieses Pyramiden--Ding hochgiftig war; möglicherweise Jean-Claude irgendwo auch, denn er liess ab dann die Finger davon.
Erdstrahlen erschienen ihm sicherer. Also verbrachte er das nächste halbe Jahr damit, mit Ruten, Pendeln, verbogenem Draht und anderen Gegenständen durch die Gegend zu laufen und den besten Platz zu finden. Was immer das war, dieser beste Platz. Zuerst musste er erst einmal aufgefunden werden. Vielleicht stand das so in der Betriebsanleitung. Helene, seine Frau, war froh darum, denn die Hotelgäste reagierten weit weniger auf diese Metalldinger, mit dem Jean-Claude nun den Boden absuchte, als auf seinen komischen Hut.
Solche Geschichten erzählte Jean-Claude. Ich hielt ihn für relativ gut davongekommen nach dem Allem. Ausser einem leichten Stottern und einem Belastungstremor, den er jeweils damit zu verbergen suchte, indem er seine linke Hand tief in seiner Hosentasche versteckte, - was wirkte, als würde er heftigst mit seinen Bällchen spielen -, zeigte er kaum Auffälligkeiten. Gemessen an der Menge Datura, Cannabis, Pilzen, Peyote und LSD, die er so nebenbei mitgenommen hatte, war das nichtmal so schlecht.
Als Beispiel für einen, bei dem es wirklich dumm gelaufen war, führte er oft einen Typen namens Mike an. Diese Storys liebte ich.
Mike war auch ein Suchender; gewesen, denn er fand auch etwas. Viele Dinge hatte sie gemeinsam ausprobiert, Jean-Claude und dieser Mike. Schliesslich fixierte sich Mike immer mehr auf etwas, das sich "Ufologie" nennt, wenn ich mich noch richtig erinnere. Jean-Claude konnte damit weniger anfangen und stieg teifer ein in die Crowleysche Sexualmagie, die ihn dann aber wieder viel zu deutlich mit seinem winzigen Schwanz konfrontierte; doch das ist wieder eine andere Geschichte, aus der er reichlich frusttiert hervorkam. Diese Ufologie, so Jean-Olaude, beschäftigt sich damit, den Spuren der Ufos zu folgen und den Nachweis zu erbringen, dass es die Aliens gibt. Das ist naturgemäss ungeheuer schwierig, weil die Militärs und die Geheimdienste ihrerseits versuchen, das alles zu leugnen und mit ihrer Gegenpropaganda die Ufo-Leute lächerlich machen und für verrückt erklären. Warum? - Weil die Militärs schon lange mit den Aliens herummachen und ihre Deals laufen haben. Davon dürfte aber die Öffentlichkeit nichts hören. Käme nicht so gut, wenn man erfahren würde, dass die alle Mittel gegen Aids und Krebs und alles haben und nicht damit rausrücken. Aha.
Eine Verschwörungstheorie also. Mike habe an vielen dieser Convents teilgenommen, wo sich die Ufo-Gemeinde trifft und sich austauscht darüber, was so läuft im Weltall.
Einmal, Mike übernachtete auf einer Hochebene im Freien, wo angeblich früher schon einmal die Untertassen gelandet seien, wurde er weggebeamt. Direkt aus seinem Schlafsack in einen Raumkreuzer, den jemand mit Namen Mitch befehligte. Dort gingen sie erst einmal in die Kantine und tranken einen Kaffee. Mitch erläuterte Mike währenddessen "Den grossen Plan". Alles. Wieso, weshalb, woher, wohin, wer und wann. Alles. Und Mike wusste Bescheid.
Zum Schluss, Mitch hatte es eilig und musste weg, brachte er Mike noch bei, wie man "die Antenne macht"» Das probierte ich natürlich später auch des öfteren aus. Dass ich nie etwas empfing, kann zusammenhängen damit, dass ich nur darauf kam, wenn ich stinkbesoffen war. Wie auch immer. „Die Antenne machen“, ist relativ einfach. Man plaziert den Daumen der linken Hand an seiner Nasenspitze, spreizt die Hand ganz auf. Dann streckt man den rechten Arm ganz aus, öffnet auch die rechte Hand, soweit das geht und suchte den Himmel nach Signalen ab, indem man sich bewegt.
Sieht irre komisch aus, wenn drei Leute das gleichzeitig tun. Wir versuchten das öfter, zwischen den Flaschen. Noch wahnsinniger sieht nur noch diese kinesiologische Übung zum Refreshing aus, bei der man sich das Schambein mit der einen, und das Kinn mit der anderen Hand reibt. Bei einer Übungsgruppe waren wir mitten in der Stadt, im Erdgeschoss eines grosszügig verglasten Raumes,- gegenüber eine Bushaltestelle, als wir das taten. Die Leute dort hielten uns aller Wahrscheinlichkeit nach für eine Horde geiler Affen, die gerne wixen möchten und nicht wissen wie; und nicht für die ernsthaften Psychos, die ihre Energie herstellen, bevor sie an die Arbeit gehen.
Mit Mitchs Antenne brachten wir unsere Umgebung fast genauso zum Lachen. Wir riefen immer noch "Mitch! Miihiiitschhh! Funk uns doch wasi Nur eine Senung bittäääl Miihiiitschhh!" Ob dieser Teil noch dazugehörte oder nicht, also, ob Mike von Mitch gelernt hatte, dabei noch diese Rufe auszustossen, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Nachdem Mitch überprüft und sichergestellt hatte, dass Mike "Den grossen Plan" kennt und auch die Antenne perfekt machen kann, beamte er ihn wieder zurück in seinen Schlafsack.
Keine Sau, nicht einmal die richtigen Hard-Core Ufo-Leute, glaubten Mike ein Wort. Sie weigerten sich sogar, unter seiner Anleitung die Antenne zu machen, wie er Jean-Claude empört schilderte. Diesen grossen Plan durfte Mike nicht preisgeben. Verrat wäre das gewesen. Also hatte er nicht viel zu bieten.
In der Folge verminderten sich die sozialen Kontakte Mikes. Schliesslich hatte er Mitch. Seine Antenne funktionierte immer, Mitch gab ihm alle möglichen Tips. Sogar im Supermarkt, wenn Mike sich nicht entscheiden konnte, ob er nun Spinat möchte, fuhr er einfach seine Antenne aus und fragte Mitch um Rat. Das tat er mit lauter Stimme. Es ging ja nicht um Gehemnisse. Nur um Spinat. Also war es doch nicht so falsch, bei der Sache zu sprechen. Naja, bei uns klappte es nicht einmal.
Ja, ich liebte diese Geschichten. Jean-Claude wird schon Manches davon erfunden oder ausgeschmückt haben, doch wenn er begann: Da fällt mir ein, wie Mitch dem Mike gezeigt hat,", war ich hin und weg, lachte ich schon im voraus, weil das, was kam, einfach nur gut war. Laut Jean-Claude wurde Mike übrigens nie weggesperrt. Mitch zeigte sich sehr verantwortungsvoll, schickte ihn zur Arbeit, liess ihm sich ordentlich kleiden und legte grössten Wert auf Hygiene. Wir verbrachten manchen Abend mit diesen Geschichten, tranken immer weiter, tanzten ein wenig absonderliche Tänze, sangen und lachten viel. Manchmal reichte uns das. Zuweilen nicht.
Wir riefen uns ein Taxi und fuhren in die nächste, grössere Stadt. Eine Provinzstadt mit wenig Möglichkeiten. Eine Discothek mit vorwiegend amerikanischem Publikum, Soldaten und technisches Personal von der dortigen Garnison. Dorthin mussten wir jedesmal. Jean-Claude meinte, tanzen zu müssen. Das war auch solch eine Hinterlassenschaft seiner magischen Experimente. Ein spermafarbiger Geist,- „Ja, wirklich, der sah aus wie glänzende Wixe, ganz frisch, ganz viel, die aber nicht verläuft und ein Gesicht hat!",- unterrichtete Jean-Claude vor Jahren darüber, dass er brasilianisch-indianische Schwingungen in sich hatte und deswegen ein grosser Tänzer sei. Was er da auf der Tanzfläche veranstaltete, sah zwar eher aus wie der Todeskampf eines misshandelten Nilpferdes, aber vielleicht macht man das in Brasilien so bei den Ureinwohnern. Ich war nie in Brasilien und habe keine Ahnung.
Jaques, der Ex-Pianist, bleib auch beim Tanzen in seiner Disziplin, mehr Flat-Foot-orientiert, und liess Arme und Hände in beängstigender Weise arbeiten. Die beiden hatten immer reichlich Platz, obwohl es sonst eng an eng abging. Ich war meist soweit, auf die schönen, triefenden Ami-Schnulzen zu warten und an sie, meine Doppelfrau, zu denken» "You dont know what its like, you dont know, what its like, to love somebody, to love somebody, the way I love you." Ich, sang mit soloher Begeisterung mit, dass auch ich bald viel Raum um mich herum hatte. Tanzen, das kam eher selten vor bei mir. Ich hatte auch davon keine Ahnung. Und das Gefühl, alle Versuche, mich zu Vertrauen in meine Bewegungen und den Rhytmus, die ich hei den netten Seminar-Spielchen erlebt hatte, wären sämtlich fehlgeschlagen. Doch nach den ersten drei Akkorden von "Highway to Hell“ war ich unterwegs. Da gab es nichts. Was ich vollführte, ähnelte einer Kampfsportdemonstration, das meinten hedenfalls Jean-Olaude und Jaques. Es hatte auch etwas von einer Kata. Diese Bewegungen kannte ich. Mit ihnen fühlte ich mich wohl. Ich machte keine Kontakte. Schon gar nicht beim Tanzen. Ich tanzte für meine Doppelfrau. Sowas bildete ich mir ein. Ihr zu zeigen, wie toll oder schwachsinnig oder verzweifelt oder einsam ich bin. Für den Fall, dass sie mich sehen könne. Es war mein Geheimnis, das so zu tun.
Jan-Claude und Jaques tanzten auch Frauen an. Das führte zu nichts, denn die beiden sahen aus wie Dick und Doof unter Starkstrom. Trotzdem blieben wir bis zum Schluss. Die Musik war erträglieh, man liess uns in Ruhe und es gab Alkohol ohne Ende. Wenn geschlossen wurde, blieben nur noch 5 Möglichkeiten, die alle aus Animierbetrieben, solchen Kleinpuffs bestanden. Nur noch dort konnten wir etwas zu trinken bekommen. Ins Hotel wollte niemand zurück. Mir war es gleichgültig, wohin wir gingen. In welchen Puff, das durften die beiden Anderen entscheiden. Nur schnell, denn in diesem Stadium hatte ich Durst, solchen Durst, unbändiges Verlangen, endlich in die Nähe der Bewusstlosigkeit zu kommen. Sie wussten das und wurden sich schnell einig. Klar, dass ich zahlte. Den ganzen Abend alles. Wenn einer ficken wollte, so sollte es an den zwei-drei Scheinen auch nicht liegen. Nur schnell ins Taxi und schnell an die Bar. Das war Meines. Dass ich dann nicht mehr viel redete, wussten sie auch. Ich war durchaus ansprechbar und zum Lachen zu bringen, steuerte nur selbst kaum noch etwas zur Unterhaltung bei. Die Nutten checkten nach der zweiten Runde, wer zahlt und wieviel drin ist; und, dass ich meine Ruhe und gute Musik wollte, "Upside down" passte in diese Stimmung immer ganz gut für mich, zu dem Plüsch, den Nutten und der billigen Jahrmarktsbeleuchtung. Der Barfrau gab ich auch immer etwas aus. Ich wusste, dass sie von Prozenten lebt und war selbst Vertriebler. Irgendwie empfand ich die Nutten mehr als Kollegen als Jean-Claude und Jaques. Die Nutten würden mit der Raubtiermenargerie in meinen Seminaren eher klarkommen, dachte ich mir.
In dieser Nacht waren wir wieder in der roten Bar. Ich unterschied die Läden an den Farben. Die Namen interessierten mich nicht. Jean-Claude sorgte immer dafür, dass wir hinkamen. Ich gab dem Taxifahrer das Geld und erfüllte so meinen Teil.
Das hervorstechendste Merkmal der roten Bar war, dass sie unheimlich rot war überall, Plüsch und Scheinwerfer und Boden und Decke und Bar und Hocker,- alles rot,
Jean-Claude und Jaques war es nach Gesellschaft. Ich signalisierte die Kostenübernahme, damit die Jungs beginnen konnten. Nein, es macht mir garnichts aus, alleine an der Bar zu sitzen, versicherte ich Jean-Claude, der mir stotternd und lallend zu erklären versuchte, wieso er und Jaques mit den Mädchen lieber an einem Tisch sitzen wollten. „Viel Spass auch und machs ordentlich und einmal mit für mich,...“ - die üblichen Sprüche halt. Abgerichtet bis zum Schluss, vielleicht hätte ich damals auch noch einen Dankesspruch auf den Lippen gehabt an seiner Stelle, sowas, von wegen, dass alle an meinem Seminar teilgenommen haben und wie dankbar ich dafür sei und allsowas, wenn ich abgenippelt wäre. Ich bestellte mir Tequila und erhielt welchen, was auch nicht immer der Fall war, Bisweilen gab es keinen. Dann stieg ich auf Whiskey um. Widerwillig. Aber in dieser Nacht hatte ich Glück. Die Barfrau machte sich heran und begann das übliche Geplänkel. Ich kürzte es ab, unterbrach sie mitten drin und sagte ihr, sie könne sich ruhig einen Drink einschenken auf meine Kosten. Weder müsste sie das Zeug trinken, wenn sie keine Lust dazu hat, noch mir Gesellschaft leisten, weil ich mir nur den Rest geben und Musik hören wolle. Ich sah sie dabei nicht einmal richtig an, erwischte nur ein wenig grelles hellblau und Stretch. War mir egal, wie sie aussieht,
Welche Musik ich hören wollte, fragte sie weiter. Ah ja, es war ja still. Ich sagte ihr einige der Puff-Titel und bat sie, die Flasche stehen zu lassen, damit ich mir selbst nachschenken kann. Schob ihr mein Kleingeld hin, als sie für die Jukebox danach fragte, „Upside down“ zuerst, und dann „Sweet Home Alabama“, von Lynnard Skinnard. Davon hatte ich ihr gar nichts gesagt. Jetzt sah ich sie mir an, wie sie da hinter der Theke hantierte, irgendwas aufräumte. Sie lächelte, als ich ihr zuprostete und sagte, sie hätte gut gewählt.
Nach dem Lied musste ich pissen. Zu den Klängen von Mothers Finest „Baby Love“ schwankte ich durch den Raum. Meine beiden Begleiter gingen heftig zu Werke. War Ok. Sonst niemand da. Diese Musik dazu, das lief ganz gut.
Die Barfrau sass auf dem Hocker neben meinem, als ich zurückkam. So irgendwas zwanzig, grosse Titten, annehmbare Beine, müdes, früher einmal hübsches Gesicht und enttäuschte Augen. Ich nahm Platz und trank aus, füllte wieder nach und trank nochmal aus. So war das besser. Irgendein blödes, seichtes, idiotisches Liebeslied lief. Ich fand es schön. Und sehr bewegend. So in mein Glas zu starren und zu spüren, dass ich nicht kotzen müsste, wenn ich hübsch langsam machte..., dass ich zwar jemand liebe, den es nicht gibt und diese Frau gleich zwei und ganz verschieden ist, und dass ich sowieso kein Wort hervorbrächte, würde ich auch nur einer davon je begegnen, dass ich aber JETZ langsam und sicher an den Punkt komme, wo ich das nur noch weiss und nichts mehr spüre, das vermittelte mir ein Gefühl von Erfolg. Der Abend lief unaufhaltsam seiner Bestimmung, meiner grösstmöglichen Betäubung entgegen.
"Was ist eigentlich mit Dir los?" Ich hatte vergessen, dass sie neben mir sass. Sie solle sich noch einen Drink einschenken und die Jukebox laufen lassen, schlug ich ihr vor. Wenn ich wüsste, was mit mir los sei, würde ich bestimmt nicht im Puff sitzen und mir die Kugel geben, beantwortete ich noch ihre Frage. Ich hielt ihr einige Geldscheine entgegen und sah an ihr vorbei zu Jaques, der an einer dürren Negerin herumschraubte. Jean-Claude hatte sich offenbar absentiert. Jaques fing meinen Blick auf, schob die Nutte von seinem Schoss und machte sich auf den Weg zu mir. Ich steckte das Geld wieder weg. Da die Barfrau weggegangen war, musste sie sich wohl was genommen haben.
Jaques umarmte eine Stelle knapp neben mir. Ich half ihm auf den Hocker. "Wollen wir den Mädels von unserem Beruf erzählen?", fragte er mich. Das war die Einleitung zu einer Geschichte, mit der wir oft Spass hatten. Durch Jaques wusste ich einiges über die Klavierspielerei und konnte mich fachkundig geben. Bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen Jaques ausserhalb von Puffbesuchen in Kontakt mit einer Frau kam, stellte er mich als seinen Partner vor. Wir seien das weltbekannte Pianistenduo „Jaques & Pierre", würden Konzerte in der Met und der Scala geben. Die dumme Kuh damals kaufte das wirklich. Wir unterhielten uns nebenbei in dem französischen Dialekt unseres Heimatdorfes in der östlichen Provence, wenn sie irgendwas fragte und wir in der uns nicht so geläufigen deutschen Sprache nach Worten suchten. Unser Französisch bestand vorwiegend aus Worten, die sich reimten und aus einem blöden Song stammten; Claudette, Bagette, Toilette, Gauloises,- was uns gerade einfiel. Das Trampel frass das wirklich. Jaques kam trotzdem nicht zum Schuss. Aber das war normal. Er war zu gut.
Ich nickte Jaques zu und lachte: "Dein Anschlag ist so iiimmliisch, dass ich Dir einfach nichts ausschlagen kann, Mon Cherie!" Jaques stieg sofort darauf ein. Die Nutte, die er allein sitzen lassen hatte, war auch schon da. Und die Barfrau auch. Ein Bier brauchte Jaques, und mit meinem Tequila stand es auch nicht zum Besten. Leider war das die letzte Flasche. Also Whiskey. Als ob ich das nicht geahnt hätte. Die Barfrau war seltsam fürsorglich und meinte, ob ich nicht besser auf Bier umsteigen wolle. Das ginge mir zu langsam und tief könne ich nicht fallen. Drinks für die Ladys auch. Eine ganze Flasche gleich. In Ordnung, die mussten sich jetzt schliesslich auch unseren Scheiss reinziehen.
Jaques ging ganz darin auf die Geschichte unserer Erfolge zu berichten, wie wir uns auf der Hochbegabtenschule in Paris wiedersahen, nachdem wir uns nach unserer Kindheit in diesem provencialischen Kaff aus den Augen verloren hatten, unsere Zeit auf dem Konservatorium, die ersten gemeinsamen Auftritte, der Durchbruch... Bei mir funktionierte es diesmal nicht. Aussen nahm ich teil, steuerte bei, was erwartet wurde, ich lachte auch, aber nicht wirklich. Das Ganze machte mich nüchtern. Die Barfrau hatte sich eng neben mir plaziert. Entweder stützte sie mich, oder schmiegte sich an. So genau wusste ich das nicht. Ich hatte mich inzwischen darauf verlegt, den Whiskey direkt aus der Flasche zu trinken und mir den Umstand des Einschenkens zu ersparen.
Als ich mich zu ihr umschaute, erkannte ich, dass sie wusste, wir reden Scheisse und es ödet mich an. Sie wirkte so zerstört, so müde, wie ich mich fühlte in diesem Augenblick. Tränen hatte sie in den Augen. Aber das waren keine vom Lachen. Zuerst legte sie mir ihre Hand, dann ihren Kopf auf die Schulter. Ich strich ihr übers Haar. "Pass auf, wir mischen jetzt diesen Whiskey mit dem Sekt da. Das haut dermassen rein, dass du alles vergisst!" Sie kam hoch, wischte sich die Tränen weg. "Ok." Dann stöckelte sie nach hinten, grössere Gläser holen.
Unser Vorrat reichte gerade noch für jeden. Ich verzichtete auf das Brimborium, mit dem normalerweise dieser Drink verbunden ist, den sie bezeichnenderweise im Vertrieb "Yuppie-Man" nennen. Whiskey unten, Sekt darüber, Bierdeckel drauf und durchgeschüttelt. Und das Ganze auf ex. Meine Schlagseite war heftig. Und wenn ich mir die Anderen so anschaute, ging es ihnen nicht viel besser. Das schrie nach mehr!
Da jedoch Jean-Claude immer noch beim Ficken war und ich nicht mehr so ganz den Überblick hatte, musste eine Zwischenbilanz erstellt werden. Ich bat die Barfrau darum und erklärte ihr wieso. Als ich ihr mein Geld in die Hand geben wollte, winkte sie ab. Es würde schon reichen. Da gäbe es kein Problem. "Und ausserdem: "Scheiss drauf!", sagte sie im Weggehen.
Bald hatten wir neue Drinks und Donna Summer auf höchster Lautstärke. Jaques tanzte im Sitzen; er brauchte eh nur die Hände dazu. Seine Begleiterin wirkte gleichfalls stark angeschlagen. Viel würde die nicht mehr aushallen. Scheinbar hatte der gute Yuppie-Man seine Wirkung bei der Barfrau verfehlt. Dicke Bäche von Tränen liefen ihr herunter. "Die musst gehen lassen, die spinnt immer wieder so!", kommentierte die andere, als Jaques, der so etwas gar nicht sehen konnte, sich aufmachte, sich um sie zu kümmern.
Schützte ihre Pfründe nicht schlecht, das Luder. Nahm Jaques sofort wieder in Beschlag. Antennennippel, das konnte ich selbst jetzt noch erkennen. Viel Spass damit! Ich ermunterte die Barfrau zum Trinken. Sie schluckte, so gut es ging und gab sich ehrlich Mühe dabei, mein Tempo zu halten.
"Weisst Du, wie das ist, jemand zu lieben?"
"Keine Ahnung, vielleicht, ja sicher, ist aber ein Scheiss-Thema, darüber will ich jetzt echt nicht reden!"
"Ist sie abgehauen?"
"Scheisse, nein, oder doch, eigentlich war sie nie,- vergiss es, vergiss es einfach und trink!"
Sie legte mir wieder ihren Kopf auf die Schulter. Aber nur kurz. Ihre Hand liess sie da.
Aber sie weinte nicht mehr. Immerhin ein Fortschritt. Wir tranken aus, ohne viel zu reden. Jaques und seine Lady sprachen miteinander. Machten aber keine Anstalten, zu verschwinden. Dann musste die Barfrau abschliessen. Sperrstunde. Musik aus. Jean-Claude fanden wir schlafend mit einer Nutte im Bett.
Familienpuff, dachte ich mir. Kein Zuhälter, nichts. Wer sahnt da ab?
"Den kannst Du schlafen lassen. Kommt niemand bis zum Nachmittag. Dein Freund fährt mit ihr." Sie zeigte in Richtung der anderen. "Du kannst mit zu mir kommen zum Frühstücken, Wenn Du willst."
"Ich glaub nicht, dass das eine gute Idee ist. Wir sind beide Scheisse drauf und,,,,"
"Ich hab nichts da drunter an!" Sie griff sich in die Titten und fuhr herunter mit den Händen, bis zwischen ihre Beine. Das sah irre geil aus. Einen Moment. Einen kleinen Moment lang stieg eine verzweifelte Geilheit in mir auf. Ich dachte daran, ich ahnte, ich sah, wie ich dieses zerstörte Gesicht noch mehr zerstöre, mit meinem Saft bespritze, wie ich mir diesen Körper nehme und all meinen Frust daran auslasse, wie ich sie vögle, durchziehe und ficke, bis ich meinen Schmerz los bin. Einen Moment lang. Ein Augenzwinkern. Dann war es vorbei.
"Du würdest alles machen, damit Du nicht allein sein musst, oder?"
Ihr Schluchzen war das eines kleinen Mädchens, eines tödlich verletzten Kindes. Ihr Körper leistete Widerstand, erbebte und unterlag. Sie weinte hemmungslos, als ich sie in meine Arme nahm. Alles war egal in diesem Augenblick, Ihre Titten, die Wärme ihres Leibes, der mich berührte, ihre Tränen, ihr Zucken und Weinen, in dem allem lag etwas sehr kostbares, ein ganz kleines, winziges Stück meiner Frau. Dafür war ich unendlich dankbar,
Ich begann auch zu weinen, drückte sie fest an mich und streichelte ihr Haar. Wie lange das ging, weiss ich nicht. Mir kam es endlos vor.
Wir liessen uns gleichzeitig los. Wie auf einen stillen Befehl hin; sahen uns an, die verheulten Gesichter. Grinsten versuchsweise, was gründlich daneben ging.
"Also, entweder setzt du dich nun zu mir ins Auto, oder ins Taxi!"
"Ich..."
"Ist Ok, nur ein Versuch!" Halb lächelnd.
"Ich ruf Dir jetzt dein Taxi."
Ich zahlte noch. Sie würde das mit der Verteilung regeln. Ich war mir sicher, dass sie mir viel zu wenig abnahm und legte Einiges drauf, ohne ihren Widerstand zu dulden.
„Scheisse!“
„Kannst du laut sagen!“
Als das Taxi hupte, gingen wir zusammen heraus. Ich bat den Fahrer zu warten, bis ich sie zum Auto gebracht hatte.
"Mach s gut!"
"Machs besser!"
Sie strich mir übers Haar. Diesmal war ich der kleine Junge.
Der Motor ihrer verrosteten Karre röchelte und sprang an.
Ich berührte das Wagendach, als sie wegfuhr.
Der Beginn unserer Supervisionsgruppe verzögerte sich erheblich am nächsten Tag. Das gab keine Probleme. Die Leute waren Kummer gewöhnt.
Eine dürre Blonde versuchte krampfhaft, mich in Trance zu versetzen, mitten auf dem Parkplatz. "Uwinding" nannte sich das, was wir da zu üben hatten. Dabei bewegt man sich in irgendwelchen spontan-tänzerischen Bewegungen zurück in seine eigene Vergangenheit, hiess es. Unbewusst. Naja, sowas eben. Dem liegt die Idee zugrunde, subtile hypnotische Befehle von aussen, die dazu geschlossenen Augen und das Bewegen entsprechend des jeweilige Befindens könnten dazu verhelfen, tatsächlich in die eigene Lebensgeschichte zurückzugehen und dort Probleme zu beheben. Na gut, dachte ich mir. Ich hatte schon verrücktere Dinge gemacht. Dass ich wirklich irgendwie abtauchte, lag gewiss weniger an dem, was die Blonde redete. Obwohl sie mich insgesamt überhaupt nicht anmachte, hatte ihr Mund etwas, das mich darüber nachdenken liess, wie er wohl bei einem richtig heftigen Arschfick aussehen würde, oder wie sie bläst. Die sah mir mehr nach „Zahnarbeit“ aus, also denen, die einer Beratetante im Frauenmagazin glaubte, dass der Einsatz ihrer Zähne an der Nille echten Lustgewinn bringt für den Partner. Den Eifer ihres Redeschwalles dahin übertragend verlor auch diese Vorstellung jeden Reiz. Sowas tut weh, wenn es nicht richtig gemacht wird. Und das können die Wenigsten. Immerhin blieb die Vorstellung ihres Ausdrucks beim unvermittelten Sturm auf ihre Arschmöse. Ausgeglichene Stimmungslage. Geht so.
Ich ruderte also etwas mit den Armen, ging rückwärts in der Hoffnung, eine gefahrlose Richtung zu erwischen und nicht auf den Autos oder am Zaun zu landen und hörte das Gelalle von wegen Entspannung und Loslassen und Zurückfliessen an und:
„BOAFF!“ (In meinem Kopf.)
Da sah ich plötzlich etwas Anderes.
Sonst ist es so schwarz-rot-grau hinter meinen geschlossenen Augen. Je nach Helligkeit verschieden aber immer so ähnlich; langweilig halt. Doch was ich jetzt sah, richtig sah, war hell und deutlich und klar! WOW!
Eine Frau stand mitten in einer Wiese, drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis, dass ihr Rock flog und die Bluse flatterte. Sie lachte hell. Ganz in weiss und strahlend war sie gekleidet. Ihr Lachen war ansteckend. Ihre Augen luden mich ein, sie weiter anzuschauen. Normalerweise hätte ich sofort nach den Titten, den Fesseln, dem Arsch geschaut, doch war ich in diesem Moment frei davon.
Mir gefiel es einfach, diesen Anblick so zu geniessen, ohne jede Focussierung. Da fiel mir auf, dass jedesmal, wenn sie mir den Rücken zukehrte, es dort dunkler wurde. Grau, und immer mehr schwarze Konturen und Glanz wurde erkennbar, und, noch eine Frau! Sie ganz in Schwarz, in das engste, dünnste und glänzenste Latex gehüllt, das es je geben wird, nur die Haut von so unglaublich-wahnsinnig geiler Blässe. Oh-WOWI
Die Wahnsinnstitten und die Fotze sprangen förmlich heraus aus diesem Anzug, der in die High-Heel-Stiefel überging und sonst nur das Oval des Gesichtes freiliess. Und alles beringt,- ich meine ALLES BERINGT. Nippel und Klitoris, das war einfach nicht zu übersehen; als wenn ich das gewollt hätte.. WOW!!
Es war ein Lachen, ein Kreisen, ein stilles Einverständnis, das keine Worte brauchte. Ich meine, sie, oder diese Beiden, - wie auch immer -, wussten ALLES von mir. Und mehr als ich. Und ich war einverstanden.
Ich fand das gut. Und besser. Das Beste seit Jahren.
Vielleicht sogar überhaupt das Beste.
Dass ich mich mit ihr, dieser Doppelfrau, zu drehen begonnen hatte, wurde mir erst klar, als ich ziemlich schmerzhaft auf dem Boden landete. Verwirrt sah ich mich um. Ich schloss schnell wieder die Augen.
Nichts zu machen; die übliche, langweilige, althergebrachte Scheisse.
Der Blonden spendierte ich anschliessend noch einen Kaffee, bei dem sie sich ereiferte über den grossen Erfolg, den es bei mir doch gegeben habe. Ich müsse natürlich nichts darüber sagen, das würde sie verstehen. Sie war Psychologin. Das erklärt alles für mich. Diplomierte Psycho – Tante.
Ich liess sie reden, betrachtete belustigt diesen Mund, der sich endlos bewegte und bewegte, der mich jetzt null mehr interessierte.
Mehr als alles Andere war ich traurig. Die Gewissheit, nicht einmal EINE der beiden Frauen jemals haben zu können, siegte sehr schnell über die irre, kurz aufflackernde Hoffnung in mir, sie beide zu bekommen.
Kritisch wurde es an dem Punkt, dass ich wusste, dass ich „sie“ liebe. Welche „sie"? Welche der beiden? Falscher Ansatz. "Sie?“ war für mich das Ganze, eins, eine Einheit; etwas, das ich fühlen, aber micht verstehen und nicht einmal ansatzweise artikulieren konnte.
Ich überlegte kurz, mich vielleicht doch tatsächlich in die Behandlung meiner wortreichen Begleiterin zu begeben, doch verwarf ich das sofort wieder. Mein Wahnsinn war mir bedeutend lieber als der Schwachsinn, den sie unausgesetzt predigte.
Am Abend, alleine im Hotelzimmer, hatte ich meine Freude daran, zu entdecken, dass ich mich nur erinnerte, dass ich „sie“, meine Doppelfrau, liebe. Dass ich sie schon immer geliebt habe und das zweifellos auch immer weiter tun werde.
Ich entwickelte die - damals mehr unterhaltsam-humoristisch gemeinte -Theorie, dass meine Beziehungsprobleme daher rührten, dass ich ja ganz jemand anderes liebe, den es zudem überhauptnicht gibt. So gesehen wurde doch verständlich, wieso ich Ehefrau und zwei Freundinnen und an allen Ecken und Enden nur Stress hatte.
Doch im Grunde war ich traurig, begann ich zu leiden. Es begann an diesem Tag mein Liebeskummer, der mich lange Jahre begleiten und mir das volle Programm von Wahnsinn bis fast Verrecken bringen sollte. Sie, die ich da gesehen hatte, vergass ich nie wirklich, und doch konnte ich mir nie wieder dieses Bild herholen, es, sie, nie wieder ganz genau ansehen.
Was ich entdeckte in der Zeit, bei den endlosen Versuchen, es doch noch zu schaffen und einen Blick zu erhaschen, war, wie majestätisch ihre Bewegung, wie unglaublich stark ihre Präsenz, wie vertraut mir ihr Wesen war; wie unvorstellbar ich mich nach ihr sehnte.
Mich ihrer zu erinnern, kostete seinen Preis. Einen hohen Preis, denn die Frauen, die mir begegneten, brachten es in meiner Werteskale allenfalls zu Comic-Gestalten. Hatte ich früher schon oft dankend abgelehnt, wenn mir ein Fick angeboten wurde, so machte ich mir das nun umso mehr zur regelmässigen Gewohnheit.
Die Eso-und Psychoszene ist ein wirklich lebhafter Umschlagplatz für traurige Ficks aller Art. Ich weiss das, schliesslich war ich jahrelang dabei. Nach Channeling, Reiki, NLP, Feldenkrais, Yoga, Gestalttherapie,- und wie der Mist auch immer heissen mag,- es folgt jeweils unaufhaltsam das Stopfen aller verfügbarer Löcher in den Nächten zwischen den Seminartagen. Man braucht nicht mal etwas zu tun dafür. Am Rande herumhängen genügt. Irgendeine, die tagsüber gottweisswasfür Probleme in ihrer Zeit als analsadistisches Kleinkind wälzte, reisst Dir in der Nacht halb den Schwanz heraus, um die Lücke zu stopfen, die das Fehlen dieser Sorgen nun hinterliess. Zuvor war ich noch öfter in die "Tür-Situation" geraten. Weil ich bis zuletzt unschlüssig war, ob es die Scheisse wert ist oder nicht. Begann jedoch dann das Hereinkommen-Ritual, hatte ich zumeist wirklich meine klare Sicht der Dinge wieder erlangt. Da war mein Zimmer für mich allein und meine flinken und gesunden Hände, alles unheimlich toll und nicht zu vergleichen mit dem, was mich mit dieser nun ein Stück mehr selbstverwirklichten Frau erwarten würde. Ich wurde vorsichtiger und vermied diese „kommts-du-noch-mit-herein-Situation“ einfach.
Jetzt geschah mir das nur noch ein- oder zweimal. Pure Unvorsicht. Einmal ging ich ein wenig zurück, als sie küssen wollte. Ich sah ihre Zunge herauskommen und verwirrt und deplaziert in der Luft hängen. Da lachte ich. Sie fand das offenbar nicht so komisch und sprach den Rest der Zeit kein Wort mehr mit mir. Ein Verlust, den ich keinen Moment bedauerte.
Für den wirklichen Verlust hielt ich den meines Verstandes.
Nur zeitweise gefiel ich mir in der Rolle des wirklich Verrückten, des echt Bescheuerten, der eine Doppelfrau liebt, die es nicht gibt. Es gab Momente der Angst in mir, echter Angst. Der Schluss, der sich aufdrängte für mich dann, war: Wenn ich schon sowas glaube, bin ich nicht soweit davon entfernt, eines Tages als Jesus oder Napoleon aufzustehen!
Die Frage, wer sie ist, stellte ich mir nie. Selbst bei der Frage, WAS sie sein könnte, war ich schon vorsichtig. Auf dünnem Eis sah ich mich da spazieren gehen; und ob es im Irrenhaus auf Dauer so lustig wäre, das hielt ich auch für eher unwahrscheinlich. So blieb es für mich bei dem, was unleugnbar und echt wahr: Meiner Sehnsucht nach ihr, meinem Schmerz, nicht bei ihr sein zu können, meiner tiefen, qualvoll-verzweifelten Liebe, die ich hoffnungslos glaubte; und ohne die ich dennoch nicht weiterleben mochte.
Ich erinnere mich an eine Nacht, die typisch ist für die Zeit, in der ich immer wieder den Entschluss fasste, mein Hirn so oder so in den Griff zu kriegen, also meine Doppelfrau irgendwie loszuwerden, mich zu exorzieren oder sowas, oder mich wirklich auf die Suche nach ihr zu machen, was natürlich beides gleichermassen schwachsinnig und undurchführbar war, wenn ich genauer überlegte. Doch das konnte ich manchmal vermeiden. Damals nahm ich an einer Supervisionsgruppe, einer Trainigsgruppe, die die Psycho-Ausbildung begleitete, die ich gerade absolvierte, teil. Zweimal monatlich traf man sich übers Wochenende in einem Hotel, das der Frau des Trainers gehörte. Eine recht kleine Gruppe, bestehend aus vier Männern und zwei Frauen als Teilnehmern. Ich war recht gerne dort. Nach kurzer Zeit machten es sich der Trainer, Jean-Claude, ein anderer Teilnehmer, das war Jaques und ich, es uns zur regelmässigen Gewohnheit, den Psycho-Müll des Tages mit wahren Strömen von Alkohol herunterzuspülen in den Nächten.
Jean-Claude kannte ich schon vorher, von der eigentlichen Ausbildungsgruppe, wo er als Co-Trainer mitarbeitete. Er hatte sofort meinen Kontakt gesucht. Wir verstanden uns recht gut. Aber sein eigentlicher Beweggrund, den er kaum zu verhehlen vermochte, waren meine geschäftlichen Kontakte. Ich war zu dieser Zeit der Zweithöchste in der Hierarchie eines 2.000-Mann.Vertriebes, selbst ganz gut im Geschäft und konnte Verkaufstrainings und Coachings vermitteln. Und das wollte Jean-Claude sehr gerne. Er träumte immer davon, endlich im Business arbeiten und die ganze Eso-Scheisse, die er für das normale Seminarpublikum anbieten musste, endlich hin zuschmeissen zu können. Deswegen bemühte er sich um mich.
Für mich war es Alltag, Sales-Gruppen abzuhalten, Kommunikationstechnik zu vermitteln, die Leitungsebene der Geschäftsstellen meiner Firma zu coachen und unsere Trainer zu trainieren. Ich lebte davon. Jean-Claude konnte nicht genug davon bekommen, wenn ich ihm davon erzählte. Die Trainigsunterlagen, die ich sowieso jedem Teilnehmer aushändigte, studierte er mit einem Eifer, der mich staunen machte.
Ja, der gute Jean-Claude wollte raus. Er hatte das seichte Gelalle von den feinen Energien der Meridiane ebenso satt, wie die ewig-gleichen Hypnoseinduktionen, wie die verzweifelt-notgeilen Mittelstandsehefrauen, die durchgeknallten Karriereweiber, die sich dann abends einen kosmischen Fick erhofften. Armer Hund. Ich wollte gerne helfen.
Raus wollte ich auch. Nur hatte ich im Gegensatz zu ihm keine Ahnung, wohin. Das, was Jean-Claude für so erstrebenswert hielt, hatte ich. Ich verdiente einen Haufen Geld, konnte im Geschäft grösstenteils machen, wie ich wollte, solange die Zahlen nur stimmten, war in Sachen Karre, Armbanduhren und Kleidung auch schon eine Stufe weiter und pflegte mein mehr oder minder gediegenes Understatement, nachdem ich meinen Daimler gegen einen Saab und allen anderen Protzkram genauso passend ausgetauscht hatte.
Oh ja, so richtig gut drauf, sah ich aus. Hoffte ich zu wirken. Eigentlich war es kein so grosser Unterschied für mich. Von der Seite her, wie ich die Sachen benutzte. Die Karre fuhr mich von hier nach da. Bequem und schnell; beide Dinger, ob Saab oder Daimler. Kostenmässig auch kein wesentlicher Unterschied.
Aber beim Publikum halt, da machte es schon Eindruck. Ich kam gerade in die richtige Zeit dafür. Selbst bei den knallharten Vertrieblern, die einfach alles an Jeden verkaufen, zeichnete sich dieser Modewechsel ab. Ein Hauch von Eso war extrem in und Protz bekam immer mehr den Geschmack von Prolo. Na gut, ich war dabei. Die Haare immer länger und auf dem Weg zum Zopf. Kein Thema, ich machte mit. Dass es mir nicht wirklich viel brachte, vielleicht lag das auch an mir. Die Anzahl meiner seminaranschliessenden Fickablehnungen erhöhte sich. Was mir auch nichts half.
Psycho-Ausbildungen lagen auch voll im Trend. Ich entschied mich dazu. Die Technik-Geschichten wie Rhetorik, Verkauf, Management und die vielen-vielen Zeit- und Organisationsseminare hatte ich hinter mir. Und die Bosse liebten es, wenn im Büro ihres Vorzeigepferdchens möglichst viele Zertifikate an den Händen hingen. "Meiner kann aber das!" - "Und meiner hat den Abschluss!", - als würden sie sich gegenseitig die Schwänze zeigen, die Typen. Dass ich kein Psycho werden, niemals Therapie machen wollte, war mir nach dem ersten halben Jahr schon klar.
Der Unterschied, von dem ich annahm, dass es ihn gäbe, zwischen den Vertriebsleuten, die ich bis dahin für sehr oberflächlich und primitiv gehalten hatte, und der Psycho/Eso-Szene, war bei genauer Untersuchung einfach nicht vorhanden. Dafür die gleichen Defizite, das gleiche Ritualisieren. Die gleiche Scheisse. Nur in einer anderen Sprache. Doch für mich gab es nichts her, statt "Shit" nun ein ach so gepflegtes "Merde", statt „Fotze“ nun „Yoni“ und „Schwanz“ gegen „Phallus“ austauschend zu hören. Ob norddeutsch oder suaheli-Slang; die Köpfe waren immer noch voller Scheisse, die Töne von sich gab.
Selbst die Trainer waren im Grunde arme Teufel. Sie sprachen nicht nur oft darüber, dass sie nichts wirklich wussten, sondern machten sich auch noch selbst damit fertig. So privat, nach Geschäftsschluss. Das kannte ich von den Geschäftsleuten weniger. Konnte aus meiner Sicht damit zusammenhängen, dass die Businesstypen bedeutend mehr Geld hatten.
Insgesamt gab es nicht viel Neues. Den Geschäftsleuten bereitete es Probleme, dass sie viel Geld hatten und die Eso-Psychos fanden es ebenso bedrückend, zu wenig Geld zu haben. Beide leiteten eine Unmenge von Theorien und Schlüssen davon ab, mit denen sie dann viel zu tun hatten.
Das versuchte ich Jean-Claude klarzumachen. Erfolglos. Er sah es nicht ein, dass es keinen grossen Unterschied, macht, dauernd die Endpunkte verschiedener Meridiane zu drücken, oder zum zehntausendsten Mal über Reizreaktionskonditionierung und Verhandlungstechnik zu referieren.
Dass ich das Vielfache verdiente, war nicht von der Hand zu weisen. Darauf hatte er es erstmal abgesehen. Vielleicht, wahrscheinlich in der Hoffnung, es dann weit besser zu machen als ich?
Meine wahren Bedenken, dass er es nicht schaffen würde, den Leuten aus dem Geschäftsleben Herr zu werden, äusserte ich nie so offen, wie ich es hätte tun sollen aus heutiger Sicht. Später, als ich selbst auch Eso/Psycho-Gruppen abhielt, sah ich deutlichst bestätigt, was ich damals schon als Übertragung aus meiner eigenen Verkaufs- und Seminarpraxis vermutete: Du kannst diesem Publikum so ziemlich alles verkaufen. Den grössten Schwachsinn! Hier, in der Eso/Psycho-Szene brauchte es keine echten Beweise, keine wiederholbaren Funktionalitäten. Es war so bequem, so leicht!
Klappt eine Demonstration beispielsweise nicht, war dein Klient "nicht so weit" oder "nicht wirklich bereit", gab es "unbewusste Widerstände, die zu respektieren seien" und allsowas. Also immer Auswege ohne Ende.
Wenn du Sales unterrichtest zum Beispiel, läuft das nicht. Beim Telefonmarketing wurden bei mir in den letzten Tagen immer ECHTE Kontakte gemacht. Und meine Teilnehmer bekamen Termine oder nicht. Die Gespräche liefen vor der Gruppe ab und alle hörten mit. Wenn etwas nicht stimmte, ganz gleich, was es betraf, den technischen Fundus oder den Übertrag in den Teilnehmer, begriff das die Gruppe sehr-sehr schnell. Und etwas zuviel davon, schon war die Besprechung meiner Seminarbeurteilung beim Vorstand kein reines Vergnügen mehr. Meine Bosse holten sich Infos von beiden Seiten ein: Von mir über die Teilnehmer, und von denen über mich und meine Arbeit. Hier ging es um Ergebnisse, die man immer wieder wiederholen kann. Pur. Sonst nichts wurde bezahlt.
Jean-Claude unter diesem Druck? Das hielt ich für fragwürdig. Ein ordentlicher rhetorischer Punch genügte, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Das hatte ich ausprobiert.
Meine Leute würden ihn vor der ersten Pause auffressen, durchkauen und ausspucken, das war meine Prognose.
Und von ihm liess ich mich ausbilden, mich supervidieren? Eigentlich nicht. Mir war mein Abschluss egal und mit ihm Schwachsinn zu veranstalten, auch während der bezahlten Seminarstunden, machte mir irren Spass. Darin war er gross. Ganz gross und kreativ. So auch Jaques, ein gescheiterter Konzertpianist, der jetzt als Barkeeper arbeitete. Er brauchte nicht zu sagen, dass er alles aufgegeben hatte und bei der Gruppe war, weil er sich sonst vielleicht eine Kugel in den Kopf jagen oder irgendwo herunterspringen würde. Durchgeknallt war er und zu allem bereit, sich die Zeit zu vertreiben und zu vergessen; selbst wenn es sich um Psycho- Bullshit handelte.
Dieses Trio fand sich nach Seminarschluss, wenn der Rest gegangen war, jeweils an einem kleinen Tisch in einer Nische des Restaurants, das zum Hotel gehörte, zusammen.
Helene, Jean-Claudes Frau, unternahm immer noch einen allerletzten Rettungsversuch und bat ihren Ehemann, sich doch zurückzuhalten, wenigstens auf den Whiskey zu verzichten. Das war auch ein ritueller Teil. Der, bevor sie die Flaschen brachte und auf den Tisch stellte: Für mich war immer eine Flasche Tequila da. Extra eingekauft, denn sonst fragte niemand danach. Für Jean-Claude die Whiskey-Flasche. Und Jaques hielt sich an sein geliebtes Bier, das er ebenso schnell wie zielgerichtet laufen liess, um die allgemeine Geschwindigkeit des Abdriftens zu halten.
Ich zahlte. Bezahlte alles. Auch das ein Grund dafür, dass ich bei den Beiden so überaus beliebt war. Mir bedeutete das Geld nichts, es waren die berühmten Peanuts im Vergleich zu dem, was mich ein Abend in der Seilschaft meiner Bosse kostete, in dieser Tennis-Bar dieses Ex-Boxers zum Beispiel in Bad Homburg, wenn ich mich richtig erinnere.
Die erste halbe Stunde verlief in der Regel ruhig und fast wortlos. Jeder kippte nach Kräften sein Zeug weg und schüttelte beim Gedanken an die Ereignisse des Tages den Kopf. Manchmal schüttelte es mich auch am ganzen Körper, wenn die richtig ekligen Sachen besprochen worden waren. Schwule Scheisse und Mutterliebe, die man nie wieder kriegt. Solch eine wirklich kleine Gruppe, aber alles, wirklich ALLES vorhanden. Da blieb Dir nichts, aber auch garnichts erspart. Dass sie dir die Damenbinden nicht im Gesicht rumrieben oder die gebrauchten Tampons in die Nase steckten, um die dezidierte Schilderung irgendwelcher Menstruationsprobleme zu erhärten, die also Folge der Begegnung mit einem Mann mit grüner Jacke im Alter von drei Jahren nun unweigerlich auftraten, das war wirklich auch alles! Nach einer halben Flasche Tequila spielte das keine so grosse Rolle mehr für mich. Den ganzen Tag hatte ich schon versucht darüber zu lachen, über diese Scheisse, aber sowas wie ein bitter-klebriger Geschmack war doch geblieben. Jetzt fühlte ich mich besser, konnte ich anfangen, es wirklich lustig zu finden. Ob es den anderen Beiden auch so ging, habe ich nie herausgefunden. Wir begannen herumzualbern irgendwann, uns über andere Gäste lustig zu machen. Dafür waren wir bekannt. Niemand nahm das übel. Doch einer, einmal. Ein kleiner Möchtegern-Nazi mit hochempfindlichen Seelchen, wenn es um seine Frisur ging, die ich für einen „Hitler-Frei-zeitschnitt hielt“. Am unteren Ende meiner Flasche angekommen liess ich mich nicht lumpen und ihn vor der Tür am Boden liegen. Er hatte statt mir Jaques angegriffen, als der zur Toilette gehen wollte. Wahrscheinlich, weil der der Schmächtigste war und so schwach aussah, wie er auch wirklich war. Ich griff mir das Arschloch und gab ihm Zeit, sich die Sache beim kurzatmigen Röcheln zu überlegen.
Ja, 15 Jahre Kampfsport hatten sich doch gelohnt. Was war ich doch für ein grosser Held! Ein elendiges Arschloch, das ich verabscheute; so gesehen also genau richtig in der Psycho-Gruppe, nicht?
Jedenfalls hatte das die so angenehme Folge, dass man uns in Ruhe liess.
Ok, wir waren etwas laut, lachten hysterisch und kommentierten das, was wir beobachteten. Darunter auch die anderen Leute.
Doch wirklich penetrant waren wir nicht. Dazu musste man uns schon provozieren, wie es dieses Nazi-Schwein getan hatte.
Jean-Claude übernahm es gerne, wirre Geschichten zu erzählen. Von dem, was er alles ausprobiert hatte in Sachen Persönlichkeitsentwicklung und Esoterik und Magie.
Und Jean-Claude hatte es wirklich wissen wollen. Als er auf Pyramidenenergie abfuhr, war er wochenlang mit einer Kopfbedeckung, einer Art Pyramidenhut herumgelaufen, die ihn völlig kirre machte. Da er dies für eine vorübergehende Nebenwirkung der segensreichen Energie der Wissenden hielt, fand er sogar Wege, um mit dem Ding auf dem Schädel zu schlafen. Irgendwie, ich weiss es nicht mehr, hatte der Hund den Hut zu fassen bekommen und im Aquarium versenkt. Der Hut war Ok, aber die Fische tot. Und Jean-Claudes gesamte Therapie zum Teufel, weil die Anwendungszeit unterbrochen worden war. Wahrscheinlich waren die Fische noch nicht soweit, sich für eine Heilung zu öffnen, innere, unbewusste Widerstände, so könnte man mutmassen.
Ich dachte mir eher, dass dieses Pyramiden--Ding hochgiftig war; möglicherweise Jean-Claude irgendwo auch, denn er liess ab dann die Finger davon.
Erdstrahlen erschienen ihm sicherer. Also verbrachte er das nächste halbe Jahr damit, mit Ruten, Pendeln, verbogenem Draht und anderen Gegenständen durch die Gegend zu laufen und den besten Platz zu finden. Was immer das war, dieser beste Platz. Zuerst musste er erst einmal aufgefunden werden. Vielleicht stand das so in der Betriebsanleitung. Helene, seine Frau, war froh darum, denn die Hotelgäste reagierten weit weniger auf diese Metalldinger, mit dem Jean-Claude nun den Boden absuchte, als auf seinen komischen Hut.
Solche Geschichten erzählte Jean-Claude. Ich hielt ihn für relativ gut davongekommen nach dem Allem. Ausser einem leichten Stottern und einem Belastungstremor, den er jeweils damit zu verbergen suchte, indem er seine linke Hand tief in seiner Hosentasche versteckte, - was wirkte, als würde er heftigst mit seinen Bällchen spielen -, zeigte er kaum Auffälligkeiten. Gemessen an der Menge Datura, Cannabis, Pilzen, Peyote und LSD, die er so nebenbei mitgenommen hatte, war das nichtmal so schlecht.
Als Beispiel für einen, bei dem es wirklich dumm gelaufen war, führte er oft einen Typen namens Mike an. Diese Storys liebte ich.
Mike war auch ein Suchender; gewesen, denn er fand auch etwas. Viele Dinge hatte sie gemeinsam ausprobiert, Jean-Claude und dieser Mike. Schliesslich fixierte sich Mike immer mehr auf etwas, das sich "Ufologie" nennt, wenn ich mich noch richtig erinnere. Jean-Claude konnte damit weniger anfangen und stieg teifer ein in die Crowleysche Sexualmagie, die ihn dann aber wieder viel zu deutlich mit seinem winzigen Schwanz konfrontierte; doch das ist wieder eine andere Geschichte, aus der er reichlich frusttiert hervorkam. Diese Ufologie, so Jean-Olaude, beschäftigt sich damit, den Spuren der Ufos zu folgen und den Nachweis zu erbringen, dass es die Aliens gibt. Das ist naturgemäss ungeheuer schwierig, weil die Militärs und die Geheimdienste ihrerseits versuchen, das alles zu leugnen und mit ihrer Gegenpropaganda die Ufo-Leute lächerlich machen und für verrückt erklären. Warum? - Weil die Militärs schon lange mit den Aliens herummachen und ihre Deals laufen haben. Davon dürfte aber die Öffentlichkeit nichts hören. Käme nicht so gut, wenn man erfahren würde, dass die alle Mittel gegen Aids und Krebs und alles haben und nicht damit rausrücken. Aha.
Eine Verschwörungstheorie also. Mike habe an vielen dieser Convents teilgenommen, wo sich die Ufo-Gemeinde trifft und sich austauscht darüber, was so läuft im Weltall.
Einmal, Mike übernachtete auf einer Hochebene im Freien, wo angeblich früher schon einmal die Untertassen gelandet seien, wurde er weggebeamt. Direkt aus seinem Schlafsack in einen Raumkreuzer, den jemand mit Namen Mitch befehligte. Dort gingen sie erst einmal in die Kantine und tranken einen Kaffee. Mitch erläuterte Mike währenddessen "Den grossen Plan". Alles. Wieso, weshalb, woher, wohin, wer und wann. Alles. Und Mike wusste Bescheid.
Zum Schluss, Mitch hatte es eilig und musste weg, brachte er Mike noch bei, wie man "die Antenne macht"» Das probierte ich natürlich später auch des öfteren aus. Dass ich nie etwas empfing, kann zusammenhängen damit, dass ich nur darauf kam, wenn ich stinkbesoffen war. Wie auch immer. „Die Antenne machen“, ist relativ einfach. Man plaziert den Daumen der linken Hand an seiner Nasenspitze, spreizt die Hand ganz auf. Dann streckt man den rechten Arm ganz aus, öffnet auch die rechte Hand, soweit das geht und suchte den Himmel nach Signalen ab, indem man sich bewegt.
Sieht irre komisch aus, wenn drei Leute das gleichzeitig tun. Wir versuchten das öfter, zwischen den Flaschen. Noch wahnsinniger sieht nur noch diese kinesiologische Übung zum Refreshing aus, bei der man sich das Schambein mit der einen, und das Kinn mit der anderen Hand reibt. Bei einer Übungsgruppe waren wir mitten in der Stadt, im Erdgeschoss eines grosszügig verglasten Raumes,- gegenüber eine Bushaltestelle, als wir das taten. Die Leute dort hielten uns aller Wahrscheinlichkeit nach für eine Horde geiler Affen, die gerne wixen möchten und nicht wissen wie; und nicht für die ernsthaften Psychos, die ihre Energie herstellen, bevor sie an die Arbeit gehen.
Mit Mitchs Antenne brachten wir unsere Umgebung fast genauso zum Lachen. Wir riefen immer noch "Mitch! Miihiiitschhh! Funk uns doch wasi Nur eine Senung bittäääl Miihiiitschhh!" Ob dieser Teil noch dazugehörte oder nicht, also, ob Mike von Mitch gelernt hatte, dabei noch diese Rufe auszustossen, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Nachdem Mitch überprüft und sichergestellt hatte, dass Mike "Den grossen Plan" kennt und auch die Antenne perfekt machen kann, beamte er ihn wieder zurück in seinen Schlafsack.
Keine Sau, nicht einmal die richtigen Hard-Core Ufo-Leute, glaubten Mike ein Wort. Sie weigerten sich sogar, unter seiner Anleitung die Antenne zu machen, wie er Jean-Claude empört schilderte. Diesen grossen Plan durfte Mike nicht preisgeben. Verrat wäre das gewesen. Also hatte er nicht viel zu bieten.
In der Folge verminderten sich die sozialen Kontakte Mikes. Schliesslich hatte er Mitch. Seine Antenne funktionierte immer, Mitch gab ihm alle möglichen Tips. Sogar im Supermarkt, wenn Mike sich nicht entscheiden konnte, ob er nun Spinat möchte, fuhr er einfach seine Antenne aus und fragte Mitch um Rat. Das tat er mit lauter Stimme. Es ging ja nicht um Gehemnisse. Nur um Spinat. Also war es doch nicht so falsch, bei der Sache zu sprechen. Naja, bei uns klappte es nicht einmal.
Ja, ich liebte diese Geschichten. Jean-Claude wird schon Manches davon erfunden oder ausgeschmückt haben, doch wenn er begann: Da fällt mir ein, wie Mitch dem Mike gezeigt hat,", war ich hin und weg, lachte ich schon im voraus, weil das, was kam, einfach nur gut war. Laut Jean-Claude wurde Mike übrigens nie weggesperrt. Mitch zeigte sich sehr verantwortungsvoll, schickte ihn zur Arbeit, liess ihm sich ordentlich kleiden und legte grössten Wert auf Hygiene. Wir verbrachten manchen Abend mit diesen Geschichten, tranken immer weiter, tanzten ein wenig absonderliche Tänze, sangen und lachten viel. Manchmal reichte uns das. Zuweilen nicht.
Wir riefen uns ein Taxi und fuhren in die nächste, grössere Stadt. Eine Provinzstadt mit wenig Möglichkeiten. Eine Discothek mit vorwiegend amerikanischem Publikum, Soldaten und technisches Personal von der dortigen Garnison. Dorthin mussten wir jedesmal. Jean-Claude meinte, tanzen zu müssen. Das war auch solch eine Hinterlassenschaft seiner magischen Experimente. Ein spermafarbiger Geist,- „Ja, wirklich, der sah aus wie glänzende Wixe, ganz frisch, ganz viel, die aber nicht verläuft und ein Gesicht hat!",- unterrichtete Jean-Claude vor Jahren darüber, dass er brasilianisch-indianische Schwingungen in sich hatte und deswegen ein grosser Tänzer sei. Was er da auf der Tanzfläche veranstaltete, sah zwar eher aus wie der Todeskampf eines misshandelten Nilpferdes, aber vielleicht macht man das in Brasilien so bei den Ureinwohnern. Ich war nie in Brasilien und habe keine Ahnung.
Jaques, der Ex-Pianist, bleib auch beim Tanzen in seiner Disziplin, mehr Flat-Foot-orientiert, und liess Arme und Hände in beängstigender Weise arbeiten. Die beiden hatten immer reichlich Platz, obwohl es sonst eng an eng abging. Ich war meist soweit, auf die schönen, triefenden Ami-Schnulzen zu warten und an sie, meine Doppelfrau, zu denken» "You dont know what its like, you dont know, what its like, to love somebody, to love somebody, the way I love you." Ich, sang mit soloher Begeisterung mit, dass auch ich bald viel Raum um mich herum hatte. Tanzen, das kam eher selten vor bei mir. Ich hatte auch davon keine Ahnung. Und das Gefühl, alle Versuche, mich zu Vertrauen in meine Bewegungen und den Rhytmus, die ich hei den netten Seminar-Spielchen erlebt hatte, wären sämtlich fehlgeschlagen. Doch nach den ersten drei Akkorden von "Highway to Hell“ war ich unterwegs. Da gab es nichts. Was ich vollführte, ähnelte einer Kampfsportdemonstration, das meinten hedenfalls Jean-Olaude und Jaques. Es hatte auch etwas von einer Kata. Diese Bewegungen kannte ich. Mit ihnen fühlte ich mich wohl. Ich machte keine Kontakte. Schon gar nicht beim Tanzen. Ich tanzte für meine Doppelfrau. Sowas bildete ich mir ein. Ihr zu zeigen, wie toll oder schwachsinnig oder verzweifelt oder einsam ich bin. Für den Fall, dass sie mich sehen könne. Es war mein Geheimnis, das so zu tun.
Jan-Claude und Jaques tanzten auch Frauen an. Das führte zu nichts, denn die beiden sahen aus wie Dick und Doof unter Starkstrom. Trotzdem blieben wir bis zum Schluss. Die Musik war erträglieh, man liess uns in Ruhe und es gab Alkohol ohne Ende. Wenn geschlossen wurde, blieben nur noch 5 Möglichkeiten, die alle aus Animierbetrieben, solchen Kleinpuffs bestanden. Nur noch dort konnten wir etwas zu trinken bekommen. Ins Hotel wollte niemand zurück. Mir war es gleichgültig, wohin wir gingen. In welchen Puff, das durften die beiden Anderen entscheiden. Nur schnell, denn in diesem Stadium hatte ich Durst, solchen Durst, unbändiges Verlangen, endlich in die Nähe der Bewusstlosigkeit zu kommen. Sie wussten das und wurden sich schnell einig. Klar, dass ich zahlte. Den ganzen Abend alles. Wenn einer ficken wollte, so sollte es an den zwei-drei Scheinen auch nicht liegen. Nur schnell ins Taxi und schnell an die Bar. Das war Meines. Dass ich dann nicht mehr viel redete, wussten sie auch. Ich war durchaus ansprechbar und zum Lachen zu bringen, steuerte nur selbst kaum noch etwas zur Unterhaltung bei. Die Nutten checkten nach der zweiten Runde, wer zahlt und wieviel drin ist; und, dass ich meine Ruhe und gute Musik wollte, "Upside down" passte in diese Stimmung immer ganz gut für mich, zu dem Plüsch, den Nutten und der billigen Jahrmarktsbeleuchtung. Der Barfrau gab ich auch immer etwas aus. Ich wusste, dass sie von Prozenten lebt und war selbst Vertriebler. Irgendwie empfand ich die Nutten mehr als Kollegen als Jean-Claude und Jaques. Die Nutten würden mit der Raubtiermenargerie in meinen Seminaren eher klarkommen, dachte ich mir.
In dieser Nacht waren wir wieder in der roten Bar. Ich unterschied die Läden an den Farben. Die Namen interessierten mich nicht. Jean-Claude sorgte immer dafür, dass wir hinkamen. Ich gab dem Taxifahrer das Geld und erfüllte so meinen Teil.
Das hervorstechendste Merkmal der roten Bar war, dass sie unheimlich rot war überall, Plüsch und Scheinwerfer und Boden und Decke und Bar und Hocker,- alles rot,
Jean-Claude und Jaques war es nach Gesellschaft. Ich signalisierte die Kostenübernahme, damit die Jungs beginnen konnten. Nein, es macht mir garnichts aus, alleine an der Bar zu sitzen, versicherte ich Jean-Claude, der mir stotternd und lallend zu erklären versuchte, wieso er und Jaques mit den Mädchen lieber an einem Tisch sitzen wollten. „Viel Spass auch und machs ordentlich und einmal mit für mich,...“ - die üblichen Sprüche halt. Abgerichtet bis zum Schluss, vielleicht hätte ich damals auch noch einen Dankesspruch auf den Lippen gehabt an seiner Stelle, sowas, von wegen, dass alle an meinem Seminar teilgenommen haben und wie dankbar ich dafür sei und allsowas, wenn ich abgenippelt wäre. Ich bestellte mir Tequila und erhielt welchen, was auch nicht immer der Fall war, Bisweilen gab es keinen. Dann stieg ich auf Whiskey um. Widerwillig. Aber in dieser Nacht hatte ich Glück. Die Barfrau machte sich heran und begann das übliche Geplänkel. Ich kürzte es ab, unterbrach sie mitten drin und sagte ihr, sie könne sich ruhig einen Drink einschenken auf meine Kosten. Weder müsste sie das Zeug trinken, wenn sie keine Lust dazu hat, noch mir Gesellschaft leisten, weil ich mir nur den Rest geben und Musik hören wolle. Ich sah sie dabei nicht einmal richtig an, erwischte nur ein wenig grelles hellblau und Stretch. War mir egal, wie sie aussieht,
Welche Musik ich hören wollte, fragte sie weiter. Ah ja, es war ja still. Ich sagte ihr einige der Puff-Titel und bat sie, die Flasche stehen zu lassen, damit ich mir selbst nachschenken kann. Schob ihr mein Kleingeld hin, als sie für die Jukebox danach fragte, „Upside down“ zuerst, und dann „Sweet Home Alabama“, von Lynnard Skinnard. Davon hatte ich ihr gar nichts gesagt. Jetzt sah ich sie mir an, wie sie da hinter der Theke hantierte, irgendwas aufräumte. Sie lächelte, als ich ihr zuprostete und sagte, sie hätte gut gewählt.
Nach dem Lied musste ich pissen. Zu den Klängen von Mothers Finest „Baby Love“ schwankte ich durch den Raum. Meine beiden Begleiter gingen heftig zu Werke. War Ok. Sonst niemand da. Diese Musik dazu, das lief ganz gut.
Die Barfrau sass auf dem Hocker neben meinem, als ich zurückkam. So irgendwas zwanzig, grosse Titten, annehmbare Beine, müdes, früher einmal hübsches Gesicht und enttäuschte Augen. Ich nahm Platz und trank aus, füllte wieder nach und trank nochmal aus. So war das besser. Irgendein blödes, seichtes, idiotisches Liebeslied lief. Ich fand es schön. Und sehr bewegend. So in mein Glas zu starren und zu spüren, dass ich nicht kotzen müsste, wenn ich hübsch langsam machte..., dass ich zwar jemand liebe, den es nicht gibt und diese Frau gleich zwei und ganz verschieden ist, und dass ich sowieso kein Wort hervorbrächte, würde ich auch nur einer davon je begegnen, dass ich aber JETZ langsam und sicher an den Punkt komme, wo ich das nur noch weiss und nichts mehr spüre, das vermittelte mir ein Gefühl von Erfolg. Der Abend lief unaufhaltsam seiner Bestimmung, meiner grösstmöglichen Betäubung entgegen.
"Was ist eigentlich mit Dir los?" Ich hatte vergessen, dass sie neben mir sass. Sie solle sich noch einen Drink einschenken und die Jukebox laufen lassen, schlug ich ihr vor. Wenn ich wüsste, was mit mir los sei, würde ich bestimmt nicht im Puff sitzen und mir die Kugel geben, beantwortete ich noch ihre Frage. Ich hielt ihr einige Geldscheine entgegen und sah an ihr vorbei zu Jaques, der an einer dürren Negerin herumschraubte. Jean-Claude hatte sich offenbar absentiert. Jaques fing meinen Blick auf, schob die Nutte von seinem Schoss und machte sich auf den Weg zu mir. Ich steckte das Geld wieder weg. Da die Barfrau weggegangen war, musste sie sich wohl was genommen haben.
Jaques umarmte eine Stelle knapp neben mir. Ich half ihm auf den Hocker. "Wollen wir den Mädels von unserem Beruf erzählen?", fragte er mich. Das war die Einleitung zu einer Geschichte, mit der wir oft Spass hatten. Durch Jaques wusste ich einiges über die Klavierspielerei und konnte mich fachkundig geben. Bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen Jaques ausserhalb von Puffbesuchen in Kontakt mit einer Frau kam, stellte er mich als seinen Partner vor. Wir seien das weltbekannte Pianistenduo „Jaques & Pierre", würden Konzerte in der Met und der Scala geben. Die dumme Kuh damals kaufte das wirklich. Wir unterhielten uns nebenbei in dem französischen Dialekt unseres Heimatdorfes in der östlichen Provence, wenn sie irgendwas fragte und wir in der uns nicht so geläufigen deutschen Sprache nach Worten suchten. Unser Französisch bestand vorwiegend aus Worten, die sich reimten und aus einem blöden Song stammten; Claudette, Bagette, Toilette, Gauloises,- was uns gerade einfiel. Das Trampel frass das wirklich. Jaques kam trotzdem nicht zum Schuss. Aber das war normal. Er war zu gut.
Ich nickte Jaques zu und lachte: "Dein Anschlag ist so iiimmliisch, dass ich Dir einfach nichts ausschlagen kann, Mon Cherie!" Jaques stieg sofort darauf ein. Die Nutte, die er allein sitzen lassen hatte, war auch schon da. Und die Barfrau auch. Ein Bier brauchte Jaques, und mit meinem Tequila stand es auch nicht zum Besten. Leider war das die letzte Flasche. Also Whiskey. Als ob ich das nicht geahnt hätte. Die Barfrau war seltsam fürsorglich und meinte, ob ich nicht besser auf Bier umsteigen wolle. Das ginge mir zu langsam und tief könne ich nicht fallen. Drinks für die Ladys auch. Eine ganze Flasche gleich. In Ordnung, die mussten sich jetzt schliesslich auch unseren Scheiss reinziehen.
Jaques ging ganz darin auf die Geschichte unserer Erfolge zu berichten, wie wir uns auf der Hochbegabtenschule in Paris wiedersahen, nachdem wir uns nach unserer Kindheit in diesem provencialischen Kaff aus den Augen verloren hatten, unsere Zeit auf dem Konservatorium, die ersten gemeinsamen Auftritte, der Durchbruch... Bei mir funktionierte es diesmal nicht. Aussen nahm ich teil, steuerte bei, was erwartet wurde, ich lachte auch, aber nicht wirklich. Das Ganze machte mich nüchtern. Die Barfrau hatte sich eng neben mir plaziert. Entweder stützte sie mich, oder schmiegte sich an. So genau wusste ich das nicht. Ich hatte mich inzwischen darauf verlegt, den Whiskey direkt aus der Flasche zu trinken und mir den Umstand des Einschenkens zu ersparen.
Als ich mich zu ihr umschaute, erkannte ich, dass sie wusste, wir reden Scheisse und es ödet mich an. Sie wirkte so zerstört, so müde, wie ich mich fühlte in diesem Augenblick. Tränen hatte sie in den Augen. Aber das waren keine vom Lachen. Zuerst legte sie mir ihre Hand, dann ihren Kopf auf die Schulter. Ich strich ihr übers Haar. "Pass auf, wir mischen jetzt diesen Whiskey mit dem Sekt da. Das haut dermassen rein, dass du alles vergisst!" Sie kam hoch, wischte sich die Tränen weg. "Ok." Dann stöckelte sie nach hinten, grössere Gläser holen.
Unser Vorrat reichte gerade noch für jeden. Ich verzichtete auf das Brimborium, mit dem normalerweise dieser Drink verbunden ist, den sie bezeichnenderweise im Vertrieb "Yuppie-Man" nennen. Whiskey unten, Sekt darüber, Bierdeckel drauf und durchgeschüttelt. Und das Ganze auf ex. Meine Schlagseite war heftig. Und wenn ich mir die Anderen so anschaute, ging es ihnen nicht viel besser. Das schrie nach mehr!
Da jedoch Jean-Claude immer noch beim Ficken war und ich nicht mehr so ganz den Überblick hatte, musste eine Zwischenbilanz erstellt werden. Ich bat die Barfrau darum und erklärte ihr wieso. Als ich ihr mein Geld in die Hand geben wollte, winkte sie ab. Es würde schon reichen. Da gäbe es kein Problem. "Und ausserdem: "Scheiss drauf!", sagte sie im Weggehen.
Bald hatten wir neue Drinks und Donna Summer auf höchster Lautstärke. Jaques tanzte im Sitzen; er brauchte eh nur die Hände dazu. Seine Begleiterin wirkte gleichfalls stark angeschlagen. Viel würde die nicht mehr aushallen. Scheinbar hatte der gute Yuppie-Man seine Wirkung bei der Barfrau verfehlt. Dicke Bäche von Tränen liefen ihr herunter. "Die musst gehen lassen, die spinnt immer wieder so!", kommentierte die andere, als Jaques, der so etwas gar nicht sehen konnte, sich aufmachte, sich um sie zu kümmern.
Schützte ihre Pfründe nicht schlecht, das Luder. Nahm Jaques sofort wieder in Beschlag. Antennennippel, das konnte ich selbst jetzt noch erkennen. Viel Spass damit! Ich ermunterte die Barfrau zum Trinken. Sie schluckte, so gut es ging und gab sich ehrlich Mühe dabei, mein Tempo zu halten.
"Weisst Du, wie das ist, jemand zu lieben?"
"Keine Ahnung, vielleicht, ja sicher, ist aber ein Scheiss-Thema, darüber will ich jetzt echt nicht reden!"
"Ist sie abgehauen?"
"Scheisse, nein, oder doch, eigentlich war sie nie,- vergiss es, vergiss es einfach und trink!"
Sie legte mir wieder ihren Kopf auf die Schulter. Aber nur kurz. Ihre Hand liess sie da.
Aber sie weinte nicht mehr. Immerhin ein Fortschritt. Wir tranken aus, ohne viel zu reden. Jaques und seine Lady sprachen miteinander. Machten aber keine Anstalten, zu verschwinden. Dann musste die Barfrau abschliessen. Sperrstunde. Musik aus. Jean-Claude fanden wir schlafend mit einer Nutte im Bett.
Familienpuff, dachte ich mir. Kein Zuhälter, nichts. Wer sahnt da ab?
"Den kannst Du schlafen lassen. Kommt niemand bis zum Nachmittag. Dein Freund fährt mit ihr." Sie zeigte in Richtung der anderen. "Du kannst mit zu mir kommen zum Frühstücken, Wenn Du willst."
"Ich glaub nicht, dass das eine gute Idee ist. Wir sind beide Scheisse drauf und,,,,"
"Ich hab nichts da drunter an!" Sie griff sich in die Titten und fuhr herunter mit den Händen, bis zwischen ihre Beine. Das sah irre geil aus. Einen Moment. Einen kleinen Moment lang stieg eine verzweifelte Geilheit in mir auf. Ich dachte daran, ich ahnte, ich sah, wie ich dieses zerstörte Gesicht noch mehr zerstöre, mit meinem Saft bespritze, wie ich mir diesen Körper nehme und all meinen Frust daran auslasse, wie ich sie vögle, durchziehe und ficke, bis ich meinen Schmerz los bin. Einen Moment lang. Ein Augenzwinkern. Dann war es vorbei.
"Du würdest alles machen, damit Du nicht allein sein musst, oder?"
Ihr Schluchzen war das eines kleinen Mädchens, eines tödlich verletzten Kindes. Ihr Körper leistete Widerstand, erbebte und unterlag. Sie weinte hemmungslos, als ich sie in meine Arme nahm. Alles war egal in diesem Augenblick, Ihre Titten, die Wärme ihres Leibes, der mich berührte, ihre Tränen, ihr Zucken und Weinen, in dem allem lag etwas sehr kostbares, ein ganz kleines, winziges Stück meiner Frau. Dafür war ich unendlich dankbar,
Ich begann auch zu weinen, drückte sie fest an mich und streichelte ihr Haar. Wie lange das ging, weiss ich nicht. Mir kam es endlos vor.
Wir liessen uns gleichzeitig los. Wie auf einen stillen Befehl hin; sahen uns an, die verheulten Gesichter. Grinsten versuchsweise, was gründlich daneben ging.
"Also, entweder setzt du dich nun zu mir ins Auto, oder ins Taxi!"
"Ich..."
"Ist Ok, nur ein Versuch!" Halb lächelnd.
"Ich ruf Dir jetzt dein Taxi."
Ich zahlte noch. Sie würde das mit der Verteilung regeln. Ich war mir sicher, dass sie mir viel zu wenig abnahm und legte Einiges drauf, ohne ihren Widerstand zu dulden.
„Scheisse!“
„Kannst du laut sagen!“
Als das Taxi hupte, gingen wir zusammen heraus. Ich bat den Fahrer zu warten, bis ich sie zum Auto gebracht hatte.
"Mach s gut!"
"Machs besser!"
Sie strich mir übers Haar. Diesmal war ich der kleine Junge.
Der Motor ihrer verrosteten Karre röchelte und sprang an.
Ich berührte das Wagendach, als sie wegfuhr.
Der Beginn unserer Supervisionsgruppe verzögerte sich erheblich am nächsten Tag. Das gab keine Probleme. Die Leute waren Kummer gewöhnt.