Montag, 21. Juli 2014
Äpfel und Ziegen sageN: Reist mit dem Dalai Lama nach Auschwitz. DerFahfahrian nimmt euch miT!
[2Welcome2back2] @ www.g-cook.com

„Sir! Sir Fah! War ihnen nicht wohl?“

Ohren und Augen wieder da. Der Rest auch. Ja. Ich kann es fühlen.

Die Stimme, die Fresse kenne ich doch. Oh Mann! Nein! Der Typ mit den Hausgeistern!
Jetzt das wieder!
Ich bin benommen. Was sage ich? Die coole Prol – Version, so auf die Art: „Was liegt an, Meister?“ – nehme ich es eher Casual und frage schlicht: „Was ist geschehen?“ – oder machen wir’s fremdländisch, so als Farbtupfer? Ja, das gefällt mir. Ist noch besser als die vierte Version, toter Mann.

„Fahafel i giddidu machismo tut-tut?“, eine deutliche Frage. Aber irgendwie komme ich von Fah nicht los, fällt mir auf.

„Galunga prodznik ekmek butter klein milkunah!“ erklärt mir der Typ allen Ernstes.

Jetzt sitze ich voll in der Scheisse. Er zeigt beflissen lächelnd auf einen Wandteppich, auf dem ein grüner Hirsch eine goldene Krone trägt. Der Wald ist grell lila. Alles Neon. Warhol? Randy Andy? Hirsch? Irgendwie sollte ich dazu Stellung nehmen. Nur fällt mir nichts ein.
Hirsch – gayrisch. Das könnte gehen.

„Der Hirsch biin iiieh! A Radi unn a Biiehr dös soag I dirr!”

“Oh, each Mulitreiber has his own Kugelschreiber but, we have to realize that unserowner their hot nixx, no nothing at all. I apologize, Sir Fah! I understood you wrong. Thought, you’re using the Multiple – Kaffir – Language – Patterns of East Sambesi!”

Als ob mir das hilft. Dann noch dieser erwartungsvolle Blick, die Butler – Montur. Und der Hirsch sagt auch nichts.

Der Hausgeister – Typ will helfen. Angestrengt nachdenkend formen seine Lippen Worte.

„Sir Fah! Please allow me to tell you in adittion, that we are beware of (nun lächelt er freudig, er hat es geschafft) each suedfrenchzose has something in his house..“

“Yes, yes..” (meine Chance jetzt)”… you’re right, but unserowner their hot nixx! Holdriho! Judeldideldöh!”

“Excellent, real excellent, Sir Fah!”

“Thank you.”

“May I help you with the Uniform?”

“Uniform?”

“Yes Sir Fah! It’s here! If you allow, there is a little bit of a hurry. The other Gauleiters….”

Wie zu erwarten. Nur anders. Braun. Nazi. Nur kein Hakenkreuz. Hirsch mit Krone.

“Thank you. That’s all for the Moment.”

OK. Ich werde das Scheissding anziehen und sehen was passiert. Passt wie angegossen. Nicht mal unbequem die Stiefel. Das komische Lederding quer drüber irritiert mich. Nochmals probieren. Passt rechtsherum besser. Also gut.

Der Hausgeist – Typ taucht wieder auf. Sein Blick sagt mir, es ist OK. Er hält mir die Tür auf. Was bleibt, als sie zu durchschreiten?

Ich tu’s.

Und bin wieder im Zug. Im Waggon. Genau vor meinem Platz.

“Wirklich vorteilhaft, Fah!” Klingt vielversprechend aus dem Munde des Dalai.

„Tres chique!“ Auch der Zitator findet meine Montur toll.

Sie tragen beide den gleichen Kram.

„Mir wird nicht zufällig jemand sagen können, was jetzt war, ist und kommt oder so?“

„Noch genauer kann man auch kaum noch fragen.“

„Genau.“

„Fangt jetzt bitte nicht mit Gayrisch an. Ich hatte gerade eine Unterredung mit einem Butler oder Concierge oder so was...“

„James. James ist das, Fah! Ein sehr netter Mann und hilfsbereit. Die Reise nach Auschwitz ist für mich wirklich kaum mehr vorstellbar ohne James. Kannst du dir vorstellen, dass er älter ist, als ich?“

„Und sprachbegabt. Und darin kenne ich mich wirklich aus, Dalai!“, bekräftigt der Zitator.

„Sagen wir, er versteht überhaupt alles, Fah! Wie denkst du, Zitator?“

„Das kann ich nur bestätigen.“

„Nur, um den Versuch zu unternehmen, ein wenig auf die Reihe zu kriegen: Ich erschoss mich beim Nazi – Schwuchtel – Wettbewerb.“

„Ja.“

„Ja.“

„Dann war ich wieder da und wir hatten gewonnen.“

„Ja.“

„Ja.“

„Daraufhin erhielt ich den Namen „Fah“ und hatte Geburtstag.“

„Ja.“

„Ja.“

„Die Feier begann und wir tanzten.“

„Ja.“

„Ja.“

„Da kamen die Nazis und erschossen mich.“

„Ja.“

„Ja.“
„Ja, jetzt wird es eng, Leute!“

„Nein.“

„Nein.“

„Versuchen wir es von der Seite: Ich starb.“

„Ja.“

„Ja.“

„Jetzt weiss ich nicht weiter.“

„Ja.“

„Ja.“

„Scheisse, da war ich im Gelb und war da schon mal und blickte nicht mehr durch.“

„Ja. Also!“

„Ja. Geht doch!“

„Von dort ging es weiter in das Zimmer mit dem Hirsch.“

„Ja. Zu James.“

„Ja. Zum Umkleiden.“

„Und jetzt bin ich wieder da.“

„Ja.“

„Ja.“

„Und wir fahren nach Auschwitz.“

„Ja.“

„Ja.“

„In Nazi – Uniformen mit Hirsch – Emblem.“
„Ja.“

„Ja.“

„Wozu? Ich meine das Umkleiden, das dauernde Hin und Her? Der Hirsch?“

„Lass mich das sagen, Dalai. Jetzt bin ich klar. Hey Fah, du kennst doch dieses Olivenöl, das ganz teuere, oder?“

„Hmmmh. Schon.“

„Das ist mit uns nicht viel anders. Vorsichtig behandelt, in kleinen, sehr naturnahen Schritten, extrahiert, von allem Schmutz und Trub entfernt, nur so entsteht beste Qualität.“

„Zum Vergasen?“

„Ich sagte dir zu Beginn unserer Reise, dass die nicht alles hereinlassen können, Fah! Erinnerst du dich?“

„Ist ok, Dalai, das weiss ich noch.“

„Denk an die Umweltschutz – Auflagen. Wenn die uns mitsamt unserem ganzen Sondermüll entsorgen müssten, das wäre einfach unmöglich.
Meine ganzen Zitate zum Beispiel..., nicht auszudenken!“

„Ja, das ist ein gutes Beispiel!“

„Ja.“

„Nur das Beste wird vergast?“

Zitator (zum Dalai gewandt) „Jetzt beginnt er zu begreifen. Wird langsam Fah.“

„Ja.“

„Ja.“

„Hat euer dauerndes Gejahe auch etwas zu bedeuten?“

„Ja.“

„Ja.“
„Dürfte ich bitte erfahren Was?“

Der Dalai sieht mich sehr ernst an: „Es sind unsere Gebete.“

„Unsere Gebete für dich, Freund.“ Wärme geht von diesen Worten des Zitators aus.

„Ja.“

„Ja.“

„Es gibt weniger zu verstehen, als ich annehme?“

„Ja.“

„Ja.“

„Es gibt mehr zu verstehen, als ich annehme?“

„Ja.“

„Ja.“

„Gott will unsere Zerstörung?“

„Nein.“

„Nein.“

Aleister legt seine Hände auf meine Schultern. „Nein.“

„Vielleicht willst du mit uns beten, Fah?“, fragt Aleister.

„Ja, das will ich.“

„Ein Gebet, das alles wegnimmt.“ Es ist die Stimme des Dalai, die mich anstösst.

„Schmerzen wegnimmt.“ Und mein Impuls spingt zum Zitator.

„Alle erinnerten“ Von ihm zu Aleister.

„gegenwärtigen“ Zurück zum Dalai.

„zukünftigen“ Zum Zitator.

„möglichen“ In mir.

„Schmerzen.“

Alle gemeinsam uni sono:

„Schmerzen.
Wir haben es gesprochen.“




„Wird es jetzt aufhören?“

Aleister sieht mich an, als wäre ich ein kleines Kind: „So lange du dich ängstigst zu beten, weil die Ergebnisse deiner Gebete nicht deinen Erwartungen entsprechen könnten....“

„Wird es weitergehen?“

„ .....werden die Ergebnisse deiner Gebete die Folgen deiner Ängste sein.“

„Instrumente sind flexibel, Fah! Sie zu verstehen fordert Disziplin und Kraft, Beharrlichkeit und Geduld.“, erklärt der Zitator.

„Wie vielstimmig klingen deine Gebete, Fah?“, fragt der Dalai.

„Viele und farbig.“

Aleister spricht wieder sehr langsam und eindringlich: „Gehört werden sie alle.“

„Erhört werden sie alle.“, ergänzt der Dalai.

„Hier hört sich die innerste Anrufung so leise an, dass sie verschwinden kann im Lärm dieser Welt. Sieh nur mich an. Beobachte mich, Fah. Für alle zu beten, auch das wird zugelassen. Soviele Stimmen, Worte, Anklagen und Schreie es sind. Jedes Zitat, ist es nicht eine Frage auch? – Ist es nicht eine Gott entgegengehaltene Behauptung, die Antworten provoziert? – Ein Gebet? Ist nicht die Summe, das absurde Bild des Zitators, in das du mich fasst, eine Antwort auf die Frage nach der Toleranz Gottes, Fah?“

„Gehört werden sie alle.“

„Erhört werden sie alle.“

„Manchmal glaube ich das; manchmal nicht.“ Ich weiss, dass diese drei Augenpaare nichts von mir verlangen. Sie kommen mir gleich vor, während ich mich umsehe, den Blick wechsle.

Aleister hält mich: „Aus Angst vor der Schlussfolgerung...“

„Der Nichtexistenz Gottes...“, setzt der Zitator fort.

„Des Sieges der Schwärze deiner Kindernächte, Fah!“, vollendet der Dalai.

„Ja, ich wünsche mir, dass es Gott gibt.“

„Manchmal nicht.“, erwidert Aleister.

„Oft nicht. Und daran ist nichts Falsches!“, sagt der Zitator entschieden.

„Wenn du die Vorurteile der Wahrheit vorziehst, Zitator.“ Der Dalai schauspielert, droht mit dem Zeigefinger: „Doch nur für eine Zeit, die deine Zeit des Ausruhens ist, die dir die Chance gibt, inmitten der tiefsten Profanität einmal mehr Gott zu begegnen.“

„Damit auch Fah unsere gemeinsame Sünde begeht.“, meint Aleister spöttelnd.

„Und von der gesagt ist, dass sie nicht verziehen werden kann!“, wettert der Zitator.

„Von der wir wissen, dass Gott sie versteht. Nicht nur als Mittäter. Darüber hinaus als Verursacher der Freiheit und Initiator aller Neugier! Nun, Fah?“

„Wenn Gott ein Kind ist, Dalai....“

„Sein wird....“

„War....“

„Bleibt....“

„Dann kennt er das alles und weiß, dass man nicht dagegen gewinnen kann.
Und lässt den Rest trotzdem zu.“
„Vorwürfe, Fah?“ Meine Schlussfolgerung amüsiert den Dalai.

„Ja, sicher Vorwürfe. Sinnlos, ich weiß. Auch die verlieren an Kraft, je näher ich dahin komme, mich nach der Substanz zu fragen, aus der dieses „ICH“, mein kleines „ich“ entstand. Es kann nur Gott sein. Damit ist alles Recht geklärt. Dann gibt es nichts mehr vorzuwerfen, keine Vorhaltungen. Alles beschränkt sich auf Eigentumsrecht. Als Menschen sind wir gewöhnt, ganz selbstverständlich empört zu reagieren, Streit und Kampf, Kriege zu führen, wenn wir den Eindruck gewinnen, jemand würde unser Eigentum – wie fragwürdig das hier alles auch sein mag – antasten oder unsere Verfügungsgewalt einschränken.“

„Du bist sauer, weil er dich gemacht hat, Fah?“ Ein leichter Schulterstoß des Dalai. Und noch einer.

„Ja, Volltreffer.“

Aleister versteht mich besser: „Hätte nicht sein müssen, oder?“

„Die Welt wäre ganz gut ohne mich ausgekommen, ist meine Meinung.“

Aleister hält sich da neutral: „Deine Meinung.“

„Alles, was ich habe, Aleister.“

„Wirklich?“

„Streng genommen nicht einmal das. Die Milch der Kuh des Bauern gehört doch dem Bauer. So also meine Meinungen, Gedanken, Empfindungen, alles einfach Gott.“

Aleister verzieht empört das Gesicht: „Da bleibt nichts!“

Der Dalai wird noch konkreter: „Nicht einmal Null ohne Zeichen.“

„Die Schwärze von Kindernächten. Die erlebte ich anders; und weiter abseits.“, unterbricht der Zitator. „Näher an Gott. Ja, für mich war es näher. Mit weniger Körper, weniger Schmerzen, hättest du, Fah, vielleicht auch eine Chance gehabt, das schneller zu bekommen. War es nicht kalt? Schrecklich kalt? War es nicht dunkel? Dunkler als Schwarz? Erinnerst du wirklich einen Sternenhimmel, wie du meinst? War die Schwärze durch irgendetwas unterbrochen?“

„Mein Wollen, Zitator.“
„Also bemalt, retuschiert, verfälscht, wie wir das alle tun. Was dahinter?“

„Nichts. Nur NIE MEHR etwas.“

„Genau.“

„Was meinst du jetzt, Zitator? Ist das die gayrische Verarsche, oder...“

„Die größte Nähe, Fah! Die Anwesenheit Gottes. Übersetz’ doch einer für mich! Hey, Dalai!“

„In der Sprache deiner letzten Zeit würde man Worte wie Repräsentation eines überforderten Speichers, eines Datenverarbeitungssystems im Zustand des Overloads benutzen und damit eher zufällige Erscheinungsformen einer überforderten Systems meinen. Verrückte Dinge geschehen, wenn du eine Maschine aus Menschenhand mit großen Datenmengen fütterst, wenn du sie mit Sachverhalten konfrontierst, die sie zwar nicht zu verstehen, nicht zu lösen imstande ist, die sie aber aufnehmen muss. Flackernde Monitore, Fehlermeldungen, die niemand zu deuten weiß, rauchende Kabelstränge, Totalausfall, sogar physische Zerstörung wäre möglich. Das kennst du, Fah!
Doch überträgst du es lediglich auf die Welt der Maschinen aus Menschenhand. Betrachtest du deinen Körper insgesamt als eine Art von Maschine, wird dir bewusster, dass es Grenzen der Aufnahmefähigkeit gibt, die du zwar überschreiten kannst, jedoch nicht solltest. Keinesfalls ohne Vorbereitung, die du nicht hattest zu dieser Zeit.
Scheint es dir zuviel verlangt, nun, Jahrzehnte später, Verständnis anzunehmen?“

„Tut mir leid, Dalai, dann verstehe immer noch nicht warum das geschah.“

„Ich biete dir eine Interpretation an. EINE INTERPRETATION, Fah!
Um heute zurückzutauschen. Die Vorurteile, die du als Menschenkind brauchtest zum Überleben, gegen die Wahrheit, die du als Fah genießt, um vergast zu werden.“

„Ist Gottes Nähe also kalt und schwarz und nichts und nie mehr etwas?“

Aleister antwortet: „In Abhängigkeit von Standpunkt und Definition des Beobachters. Das Wort Beobachter ist nicht so beliebt bei den Herren hier.“ Aleister zieht die Augenbrauen hoch und schickt kurze, blitzende Blicke hin zu Zitator und Dalai. Dann fährt er fort: „Des Anbetenden, wenn ihr so wollt. Des Anrufenden schlage ich als eine gemeinsame Formel für den Augenblick vor. Ich sehe mich Gott ausgesetzt in einer Dusche aus Formen und Farben, Temperaturen, wie Wasserstrahlen von allen Seiten, mit den verschiedensten Stärken, Beweglichkeit und Starrheit, Hitze, Kälte, Feuer und Honig, Säure und Eis.
Unmöglich, eine der Erscheinungsformen zu ergründen, kann ich mich doch konzentrieren und isolieren, eine Zeitspanne dort verbringen, wo ich gerade zu sein wünsche. Sogar Vergessen gelingt mir. Umso mehr ich Widersprüche loslasse; Wahrheit zulasse. Doch davon verstehst du mehr als ich, Fah.
Vom Vergessen.“

„ Das hilft mir echt viel, Aleister, weil ich offenbar so gut darin bin, selbst das Vergessen zu vergessen.“

„Das ist ein Königsweg. Allerdings.“

„Unbestritten, soweit stimme ich zu, Aleister.“ Die Miene des Dalai ist ernst.

„Nicht der Schönste, wenn ihr mich fragt.“, steuert der Zitator stirnrunzelnd bei.

„Toll, Dankeschön auch. Wirklich informativ, dass ich jetzt weiß, dass ich mein Vergessen vergesse und damit so ziemlich alles.“



„Herr Dalai, entschuldigen sie die Störung. Welcher der Herren geht nun zu James? Die Zepter wären poliert und abholbereit.“

„Das hätten wir nun fast alle vergessen. Passt gut zum Thema. Danke, Marie!“

„Gerne.“ Auf den Schrubber gestützt schaut sie uns fragend an. Putzfrau? Trümmerfrau? Wie in den alten Filmen. Wieder ein Blecheimer. Grauer Putzlappen, Kittelschürze mit ausgewaschenem Blumenmuster oder Gemüsedekor, Geschirrhandtuch am Kopf, oder, wie heißt das, ja, Kopftuch. Sieht aber aus wie ein Geschirrtuch. Auch ausgewaschen. Oder wie diese Jeans, die von Anfang an ganz bequem und weich sind. „Stone – washed“
stand drauf auf den Schildern. Die trugen sich wesentlich besser als die Anderen. Waren auch teuer. Muss lange her sein.

Alles in Zweifel ziehen. Jeden Augenblick könnte es losgehen. Zwei – drei Schwünge, das Kittelkleids aufgerissen und Titten wie Mellonen Sternaufkleber über den Brustwarzen, ein Strip....

„Was starrst du so, Fah?“

„Entschuldigung. Verzeihen sie.“

„Was ist jetzt? Wenn ihr meint, ich trage euch alles hinterher, habt ihr euch geschnitten!“

Aleister zeigt auf mich: „Fah sollte gehen!“

„Gut, dann ist das geklärt“, sagt sie. „Und der Rest von euch macht sich ab ins Bistro, bis ich geputzt habe und alles trocken ist, verstanden?“

„Äh, verzeihen sie, Marie.“
Sie dreht sich um. Schaut mir in die Augen. „Was?“
„Wie komme ich zu James?“
„Hä?“
„Bitte.“
„Rückwärts. Na rückwärts! Wie sonst!“

Wow! Nimm dich in acht vor den Kampfmaschinen! Wie Marie das sagt, ist das logisch.
Zu James geht es rückwärts. Das einzige Rückwärts, das mir einfällt, ist rückwärts zu gehen. Besser ich tu’ das sofort.
Die anderen Drei sind schon verschwunden. Ich sehe nichts mehr von ihnen. Marie muss schon eine ziemliche Macht sein, wenn die so gehorsam sind.
Ab Marsch rückwärts also. Ohne Tritt, oder wie das heisst.

„Was zum Geier denkst du eigentlich, was du da tust, Fah!“, fährt Marie mich an.
„Ich gehe rückwärts zu James. Wie sie es mir sagten!“
„Im Handstand natürlich!“
„Schisse, das kann ich nicht!“
„Und ob du...“

Rekordverdächtig, wie ich auf meine Hände komme und rückwärts trabe. Befehlsmodus samt Autopilot. Schuldig fühle ich mich auch noch. Ich hätte es wissen sollen. Wie hätte ich das wissen können? Ich bin nicht ganz dicht. Nichts ist ganz dicht. Alles fließt. Aleisters Dusche. Ewiges Fließen im Strom.... Aha! Bald bin ich soweit. Ich mache bei der nächsten Esoterik – Messe mit und habe meinen eigenen Stand. „Duschen sie ewig! – Und das jeden Tag! – In nur drei Minuten! – Der ideale Stress – Releaser für
alle! – Jungend, Gesundheit und Schönheit, im Einklang mit universeller Harmonie!“
Auf dem Großmarkt kaufe ich die Reste der Mangos auf, die älteren, reiferen Exemplare, die lege ich dann auf meinen Tisch. Gelbe Aufkleber müssen her, „MoN“ muss darauf geduckt sein, die Herkunft anzeigend „Middle of Nowhere“. Und ein Beipack, eine Gebrauchsanweisung. Kurz und bündig. „Nehmen sie ihr persönliches „MoN“ und tun sie nichts weiter, bis der selbstständig ablaufende Prozess vollständig beendet ist. Unerwünschte, nein; irgendwelche Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Jedes unserer „MoN“ ist bis zu seiner vollständigen Auflösung beliebig oft verwendbar.“



„Sir? Sir!“

„Ja“

„Wenn sie erlauben, würde ich gerne die Stellung wechseln. So gesundheitsfördernd Kundalini gemeinhin auch sein mag, in meinem Alter...“

„Verzeihen sie mir, James. Ich bin noch immer etwas benommen von der Reise.“

„Wir sehen uns an, noch immer im Handstand. Seine Frisur hält perfekt. Anti-Grav-Taft?”

“Nun, Sir?”

“Bitte stehen sie bequem!”, dass mir auch nichts einfällt, als dieser Nazi – Jargon.

Ich komme unsanft herunter, mache einen Fußfehler, muss über den zweiten Aufschlag und lande auf meinem Arsch. James will mir aufhelfen.

„Danke ihnen, aber es geht schon.“

„Ich freue mich ausgesprochen, sie so bald wiederzusehen, Sir Fah, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf!“

„Sie sind zu freundlich, James! Und bitte nennen sie mich nicht ‚Sir’. Das passt nicht zu mir!“

„Wie der Earl of Rumor zu sagen pflegte: ‚Scheisse bleibt Scheisse, ob wir sie Pralinen nennen oder nicht. Fressen mag sie keiner!’, Sir!“

„Wenn es so `rum läuft, bin ich einverstanden.“

„Das war nie anders, Sir! Nicht, dass ich wüsste.“

„Eine Frau, Marie, glaube ich, schickte mich hierher. Zepter holen.“

„Miss Pussydings hatte die Freundlichkeit, ihnen zu übermitteln, dass Lawrence seine Arbeit vollendete!“

„Ehrlich, James, das ist mir alles recht. Pussydings besonders. Ich ahnte so was. Lawrence auch noch. Ah! Der von Arabien vielleicht?“

„Nein, Sir Fah, aber nein! Lawrence C. Rain, der Major Domus unserer Hausgeister!“

„Alles klar, James! Sagen sie mir einfach nur, was ich zu tun habe. Bitte!“

„Wie sie wünschen, Sir Fah. Begeben sie sich bitte in die Bibliothek, wo sie auf dem Schreibtisch die soeben polierten Zepter finden werden. Durch die hinter dem Schreibtisch gelegene Geheimtür gelangen sie wieder zurück in ihren Waggon.
Wenn es ihnen nicht zu viel Mühe macht, grüßen sie doch die Herren ihrer Runde von mir. Ich will mein Bestes tun, dem Dali Lama, Mega Therion und dem Zitator neue Räume vorzubereiten für den nächsten Halt. Ihnen, Sir Fah, selbstverständlich auch, wenn sie gestatten.“

„Mache ich gerne. Ich danke ihnen, James. Das sind die besten Anweisungen bis jetzt. Kann ich sonst irgendetwas für sie tun? Sie waren immer sehr freundlich zu mir und ich fürchte, ich bin bei meinem ersten Auftauchen hier sauisch ausgeflippt.“

„Nicht der Rede wert, Sir Fah! Immerhin legten sie ihre ausgesprochene Neigung zum Pfählen der Hausmädchen und die Auftritte als Elvis – Imitator ab. Der Herr des Hauses äußerte größte Zufriedenheit mit ihrer Entwicklung, wenn ich das anfügen darf“

„Ich glaube, das will ich jetzt lieber nicht wissen, James. Bitte seien sie mir nicht böse.
In letzter Zeit, - wenn ich das Wort schon sage wird mir schwindelig – erzählt mir Jeder soviel, was ich schon erlebt haben soll, was ich erinnern müsste, macht Andeutungen, die ich nicht verstehen kann.... Im Moment geht nicht noch mehr. Sie sind nett, James. Sie scheinen freundlich und behandeln mich gut. Und das macht sie sehr gefährlich für mich jetzt.
Suggestibel bin ich geworden. Umgeben von Persönlichkeiten, von denen ich trotz allem Bizarren, was an Geschehen angeboten wird, einfach immer wieder annehme, dass sie etwas wüssten. Ich verstehe es nicht. Bin nur noch am Handeln. Bilde ich mir ein. Im Hintergrund aber, irgendwo im Hirn, sofern ich eines habe, denn auch das steht für mich in Frage, ist permanent Höchstleistung gegeben, weil ich es nicht lassen kann, zu versuchen zu verstehen. Verstehen sie das, James?“

„Gerne würde ich ihnen antworten, Sir Fah. Doch beeinträchtigte ich damit den Verlauf ihrer Heilung. Da sie nun soweit gelangten, man ihnen die Zepter anvertraut, ist mir ein Hinweis erlaubt; bin ich mir der Zustimmung des Herrn des Hauses sicher, ihnen Geduld zu empfehlen auf der Wanderung. Ein schmaler Grat aus Eis könnte schneiden wie zerbrechen, liess man mich einmal wissen, vor langer Zeit. Obwohl ich das nicht aus persönlicher Erfahrung kenne, scheint es mir schlüssig.“

„Bleibt nicht immer ein „es“, James?“

„So lange wir sprechen, Sir Fah!“

„James, werden wir je schweigen?“

„Wenn wir es wirklich wollen, wird es so sein.“

„ ‘Es’, James, ‚Es’!“

„Kontaminiert, ein sich ausbreitendes Virus, auch Erleben, anderenorts Lernen genannt, Sir Fah. Von nun an weitergehend, es gäbe nur noch den Kreis Schließendes, an Ausdruck Gekettetes, immer gültiges ‚Es’, das nur im Stillstand allen Seins enden könnte.“

„Bleibt nicht immer ein ‚es’, James?“

„So lange wir sprechen, Sir Fah!“

„Ich sollte jetzt gehen. Danke, James!“

„Danke, Sir.“

„Noch eines James.“

„Sir?“

„Frankenfurter, sagt ihnen das etwas?“

„Schmackhafte Würstchen aus Peitsch schland.“

„Der Herr des Hauses heißt nicht zufällig so?“

„Ihr Humor ist ihnen geblieben, Sir, Fah!“

„Das ist keine Antwort. Wenn man das Gefühl hat, total kirre zu werden, kann doch noch das Bemühen da sein, ein wenig Ordnung in die einzelnen Episoden zu bringen, verstehen sie? Deswegen frage ich, James!“

„Ihre Liebe zu Musik und Film, Sir. Ganz offensichtlich erinnert sie unser Haus hier an den Schauplatz eines dieser neueren Werke. Wir werden über das Interieur nachdenken. Nun, nein. Eindeutig nein, Sir Fah, um ihre Frage klar und eindeutig zu beantworten.“

„Dann nochmals danke, James. Und bauen sie nicht um wegen mir. Es war nur so eine Idee. Danke, und machen sie es gut.“

„Die Tür rechts, Sir Fah!“

„Danke, James. Bis irgendwann.“

„Wie sie meinen. Sehr wohl, Sir.“


Bibliothek. Regale überall bis zur Decke. Keine Bücher. Nirgends. Nein, doch. Da, auf dem Schreibtisch eines. Prägebuchstaben, geschwungene Schrift, nicht größer als ein Taschenbuch. „Die Wahrheit“.
Ledereinband, die Lettern in alt aussehendem Gold.
Sicher. Iowas fehlte noch.

Eine Bibliothek. Mit ohne Bücher. Das Eine ausgenommen. Daneben, hübsch aufgefächert, vier Zuckerstangen, rot – weiß, in Plastikfolie, mit roten Schleifchen.
Nichts sonst vorhanden, also sind das wohl die Zepter.

Wen wundert noch irgendwas. Und: Wer fragt das wen?

Welchen Sinn hat das Buch? Versuchung? Hinweis?
Bei Computerspielen kriegt man das heraus.

Der zweite Blick macht es interessanter. Wer war das gleich; wer hat uns unsere Synästhesien sämtlich verziehen?
Kinderrätsel in der Zeitungsbeilage. Im zweiten Bild sind soundsoviel Unterschiede.
Ja.
Die roten Schleifen, die zuvor dem nicht vorhandenen und daher möglicherweise unsichtbaren Schreibtischsessel zugewandt am unteren Ende der Zuckerstangen waren, befinden sich nun an deren oberem Ende. Sonst sind sie gleich.
Eines gefunden. Hurra! Schwerter hoch und unbewaffnete Zulus abschlachten...
Weiter.
Zwei der Zuckerstangen stecken in dem Buch. Insofern wäre die erste Aussage zu revidieren. Nicht gänzlich, denn man hat sie so drapiert, dass sie oben, mir zugewandt, der ich vor dem Schreibtisch stehe, herausschauen. Und damit die roten Schleifchen teilweise auch.
Zwei gefunden. Hurra – hurra! „Am Ende dieses Seminars, meine sehr verehrten Damen und Herren, werden sie nicht nur die Geldscheine auf den ihnen begegnenden Personen sehen, sondern sie werden auch hören, wie man sie darum anfleht, sie von der Last zu befreien!“

Was es nicht alles gibt.

Na ja. Viel zu tun gibt es hier nicht. Nicht für mich. Ich bin ein Mann mit einem Auftrag. Die Zepter soll ich holen.
Nochmals umschauen nützt mir nichts. Keine Veränderungen mehr. Immer noch nur Holz und diese Atmosphäre, die Chippendale blass aussehen lässt.
Inventar. Inventare. Körperliche Bestandsaufnahme.
Getäfelt. Holz überall. Sogar am Boden. Teppiche sind keine Zepter. Eindeutig nein.
Schreibtisch oberflächlich betrachtet leer außerhalb der gefundenen Objekte.
Aha!
Ein Schreibtisch hat Fächer, Türen, Schubladen und all sowas. Wäre einen Blick wert.

„Sir, wenn ich sie darauf hinweisen darf, dass der Herr des Hauses alles Notwendige für sie bereitlegte!“; die vertraute Stimme meines hier allgegenwärtigen Freundes James.

„Danke, James!“
Nein, ich drehe mich nicht um auf dem halben Weg um dieses Monstrum von Schreibtisch herum. James hat ja geredet. Also ist er da. Ist das nicht ein guter Anfang, geistige Gesundheit zu entwickeln? – Seinen externalen Wahrnehmungen zu vertrauen und sie nicht mehr dauernd zu überprüfen? Dieses ständige Nachschauen, ob etwas auch da ist oder nicht macht einem doch total irre!
Ich kriege die Kurve, trete hinter den Schreibtisch und sehe James nicht.
Die letzten 5 Millimeter der sich hinter ihm schließenden Tür. Hurra!
Oder bilde ich mir das nur ein? Aufhören damit! Schluss! Und zwar jetzt!

„Die Wahrheit“ prangt auf dem Ding, diesem lächerlichen Paperback mit Ledereinband.
Und los geht’s schon mit Meta – Wägungen. Den Mist muss ich auch noch loswerden. Dringend. Andererseits passt das Bild. Kongruent zu meinem Weltbild. Oder genauso krank. Außen hui, innen pfui! – Warum sollte das mit der Wahrheit nicht auch so sein?
Moment, Augenblick mal.... Weltbild? – Sich selbst konstituierende Realität? Highway to Schizo?
Genug jetzt. Teilen wir es auf. Solange ein anderer Teilnehmer am jeweiligen Ort ist, der die gleiche Realität mit mir teilt, ist eine sehr hilfreiche Vereinfachung möglich: Entweder der oder die Teilnehmer sind gleichfalls Halluzinationen, oder diese Wahrnehmungen konstituieren eine Realität.
Für mich passt der letztere Schluss. Schlüssig genug.
Die Zuordnung sich stapelnder, nebeneinander laufender oder ineinander verschlungener Realitäten überlasse ich Anderen. Wem? Ist mir ehrlich gleichgültig.

Ich bin jetzt der Mann mit dem Auftrag. Vorhanden sind außerdem die Zuckerstangen und das Buch der Wahrheit; mit der Aufschrift „Die Wahrheit“, um genau zu sein. Das sollte ausreichen.
Neugierig bin ich schon. Was steht da drin? Ist es leer? Das ist meine größte Vermutung.
Wenn ich die beiden Zuckerstangen einfach herausziehen würde, könnte ich nichts erkennen, würde es nie erfahren; mich wahrscheinlich aber immer wieder fragen, was da jetzt enthalten war.
Mut? Zu was? Mutig die Kenntnis der Wahrheit abzulehnen? Mutig genug, eine weitere Interpretation bereits an der Aufschrift zu erkennen und daher zurückzuweisen? – Ihr den Stempel „redundant“ zu verpassen und ab dafür? Mutiger darin, die Weltsicht eines Anderen kennenzulernen, der immerhin so weit ging, diese als „Die Wahrheit“ zu bezeichnen? Gestörte gab es zu allen Zeiten, überall. Keine Frage.
DEN Mut zu haben, einfach hinzusehen und mir nichts dabei zu denken?
Speziell die Psychos, Irrenärzte, Psychologen und Psychiater, früher auch Nervenärzte genannt, veröffentlichen so viel. Mein Fehler in diesem Zusammenhang war der, Einiges davon zu lesen. Jetzt darf sich das Kollektive Unbewusste im Freudschen Fickrausch einer Gestalttherapie unterziehen, während der Therapeut selbst in einer Somnabulistischen Trance eine Hirnhälfte dem großen Milton H. Ericsson und die andere Hemisphäre einem stark sedierten und eindeutig 100 Jahre toten Hopi – Indianer, der sich für Benito Mussolini hält, überlässt.
Nachdem das zu nichts führt, zieht man der Sicherheit halber doch Paracelsus und Agrippa von Nettesheim hinzu, die Feldenkrais mitbringen, damit das Ganze auf gesunden Füssen steht.
Man hält ein ordentliches Tamtam ab, die Jungs und Mädels von der modernistischen New – Age – Fraktion tanzen händchenhaltend gemessenen Schritts den Schutzkreis herum, während die Alten sich am Feuer in der Mitte wärmen und einander verschmitzte Blicke zuwerfen, wie Lausbuben.
Eigentlich mag ich die Gang doch.
Der am Weitesten therapierte Therapeut wird einstimmig zum Sprecher erhoben und teilt mir das Urteil mit: „Was soll es?“
Ich stimme in das Lachen ein und möchte am Liebsten mitfeiern. Da drin geht es jetzt richtig los.
Man rät mir ab. Meine Zeit würde kommen. Außen. Außen vor Allem, wie man mir versichert. Hat gut lachen, der alte Knochen, der sich gerade ein geiles Stück Arsch aus dem Kreis der Tanzenden geschnappt hat. Katatonie, meint er, die sehenswerten Titten begutachtend, wäre eine sehr armselige Wahlmöglichkeit. Und leider die zwingende Konsequenz meines Rückzuges zu ihnen.
Nicht, dass ich nicht willkommen wäre in mir..... Wieherndes Gelächter.
Sie haben ja so recht.

„Was soll es!“ wiederholend schlage ich das Buch einfach auf.

Und es ist gut.

So einfach wie die drei Schritte bis dahin, wo die getäfelte Wand sein sollte, die mich entlässt auf meinen Sitzplatz, direkt neben dem Dalai Lama, im Zug nach Auschwitz.