Samstag, 20. Juni 2026
Feldenkrais Schreiben
fahfahrian, 07:53h
Schwere in Leichtigkeit verwandeln
Es gibt Momente, in denen die Hand einfach nicht schreiben will.
Nicht weil keine Gedanken da wären. Sondern weil zu viele da sind. Weil sie sich stauen, drücken, überlagern. Der Stift liegt schwer zwischen den Fingern. Der Cursor blinkt wie ein kleiner Vorwurf. Und der Körper zieht sich zusammen, unmerklich, aber spürbar.
Kreatives Schreiben wird oft als rein geistiger Vorgang beschrieben. Als wäre es eine Frage der richtigen Ideen, der richtigen Technik, des richtigen Moments. Aber wer einmal wirklich geschrieben hat – nicht für Pflichterfüllung, sondern aus sich heraus –, der weiß: Der Körper ist dabei. Immer. Er ist kein stilles Möbelstück, auf dem sich das Denken ausruht. Er ist das Denken. Er ist der Kanal.
Und wenn dieser Kanal verspannt ist, stockt alles.
Moshe Feldenkrais und die Frage der Gewohnheit
Moshe Feldenkrais war Physiker. Judoka. Ein Mann, der nach einer schweren Knieverletzung beschloss, sich selbst neu zu lernen. Nicht durch Willenskraft. Nicht durch Disziplin. Sondern durch Aufmerksamkeit.
Seine Methode, die später seinen Namen trug, beruht auf einem einfachen Grundprinzip: Der Mensch bewegt sich so, wie er sich selbst wahrnimmt. Nicht so, wie er sein könnte. Nicht so, wie sein Körper tatsächlich beschaffen ist. Sondern so, wie sein Nervensystem gelernt hat, ihn zu repräsentieren.
Diese Selbstrepräsentation entsteht früh. Durch Erfahrungen. Durch Schmerz, durch Anpassung, durch das Beobachten anderer. Wir formen Gewohnheiten der Bewegung, die irgendwann unsichtbar werden. Die sich anfühlen wie Natur, obwohl sie Geschichte sind.
Feldenkrais nannte das: die Tyrannei der Gewohnheit.
Und er sagte: Wenn du dir nicht bewusst bist, was du tust, kannst du nicht wählen, ob du es ändern willst.
Der Körper beim Schreiben
Setz dich jetzt einen Moment hin. Achte darauf, wie du sitzt. Wo sind deine Schultern? Wie hält dein Nacken den Kopf? Ist dein Atem flach geworden, ohne dass du es gemerkt hast?
Die meisten Menschen, die schreiben, sitzen in einer Art innerem Panzer. Die Schultern hochgezogen, der Kiefer leicht angespannt, die Brust eingesunken. Der Körper bereitet sich vor – auf was genau, weiß er selbst nicht mehr. Vielleicht auf Kritik. Vielleicht auf das Scheitern. Vielleicht auf die Stimme von irgendjemandem, der irgendwann einmal sagte: *So geht das nicht.
Dieser Zustand hat einen Namen in der Körperarbeit. Man nennt ihn manchmal: Schutzspannung. Und er ist klug. Er war einmal klug. Er hat einmal etwas geschützt.
Aber er kostet Energie. Und er kostet Fluss.
Wenn der Schreibblock kommt, schauen die meisten auf den Inhalt. Sie suchen nach der richtigen Idee, dem richtigen Anfang, der richtigen Struktur. Dabei liegt die Blockade oft früher. Sie liegt im Körper. In den Schultern. Im Atem. In der Art, wie der Mensch sich selbst im Raum hält.
Feldenkrais öffnet genau hier eine Tür.
Bewusstsein durch Bewegung
Die bekannteste Form seiner Methode heißt: Awareness Through Movement – Bewusstsein durch Bewegung.
In einer solchen Lektion bewegt man sich langsam. Sehr langsam. Man macht kleine Bewegungen, die seltsam und unbedeutend wirken. Man dreht den Kopf. Man atmet. Man verschiebt das Gewicht. Man fragt sich: Was passiert, wenn ich nur *das* tue?
Keine Anstrengung. Keine Korrektur. Keine Vorstellung vom Ideal.
Nur Beobachtung.
Und in dieser Beobachtung passiert etwas Merkwürdiges. Der Körper beginnt sich zu sortieren. Nicht weil man ihn zwingt. Sondern weil das Nervensystem Informationen bekommt, die es lange nicht hatte. Weil der innere Lärm leiser wird. Weil Raum entsteht – zuerst im Körper, dann im Denken.
Dieser Raum ist der kreative Raum.
Schreiben als Bewegung
Kreatives Schreiben ist in seinem Wesen eine Bewegung. Eine innere Bewegung, die nach außen drängt. Wie Wasser, das fließen will, aber einen Weg braucht.
Wenn der Körper verspannt ist, verengt sich dieser Weg. Die Bilder kommen nicht. Die Sätze brechen ab. Man kämpft gegen sich selbst und merkt nicht einmal, dass man kämpft.
Feldenkrais würde sagen: Weniger Anstrengung. Nicht mehr.
Das klingt paradox für Menschen, die gelernt haben, dass gute Arbeit Mühe kostet. Dass man durchhalten muss. Dass Talent eine Frage von Disziplin ist.
Aber die Erfahrung sagt etwas anderes.
Die besten Texte entstehen in einem Zustand, den man kaum festhalten kann. Man ist wach, aber nicht angespannt. Präsent, aber nicht verbissen. Es gibt einen alten Begriff dafür, den Mihaly Csikszentmihalyi später *Flow* nannte. Dichter kannten diesen Zustand schon immer. Sie nannten ihn die Muse. Das Kommen der Worte.
Es ist kein Geheimnis. Es ist ein Zustand des Nervensystems.
Und dieser Zustand lässt sich vorbereiten.
Vor dem Schreiben: Eine kleine Feldenkrais-Praxis
Ich schlage keine Übung vor, die man korrekt ausführen muss. Ich schlage eine Einladung vor.
Setz dich an deinen Schreibort. Leg die Hände in den Schoß. Schließ die Augen, wenn das angenehm ist.
Dann tue einfach dies: Beobachte, wo dein Körper Kontakt zur Unterlage hat. Zur Stuhlfläche. Zur Lehne. Zum Boden unter den Füßen. Nicht bewerten. Nur spüren.
Dann atme einmal tief aus. Lass den Atem kommen, wann er kommen will.
Dann bewege den Kopf ganz langsam zur Seite. Nur so weit, wie es mühelos geht. Nicht weiter. Halte kurz inne. Komm zurück. Mach das dreimal auf jede Seite.
Dann lass die Schultern fallen – nicht drücken, nur loslassen.
Dann öffne die Augen.
Das dauert vielleicht drei Minuten. Vielleicht vier.
Was in diesen Minuten passiert, ist kein Wunder. Aber es fühlt sich so an.
Es gibt Momente, in denen die Hand einfach nicht schreiben will.
Nicht weil keine Gedanken da wären. Sondern weil zu viele da sind. Weil sie sich stauen, drücken, überlagern. Der Stift liegt schwer zwischen den Fingern. Der Cursor blinkt wie ein kleiner Vorwurf. Und der Körper zieht sich zusammen, unmerklich, aber spürbar.
Kreatives Schreiben wird oft als rein geistiger Vorgang beschrieben. Als wäre es eine Frage der richtigen Ideen, der richtigen Technik, des richtigen Moments. Aber wer einmal wirklich geschrieben hat – nicht für Pflichterfüllung, sondern aus sich heraus –, der weiß: Der Körper ist dabei. Immer. Er ist kein stilles Möbelstück, auf dem sich das Denken ausruht. Er ist das Denken. Er ist der Kanal.
Und wenn dieser Kanal verspannt ist, stockt alles.
Moshe Feldenkrais und die Frage der Gewohnheit
Moshe Feldenkrais war Physiker. Judoka. Ein Mann, der nach einer schweren Knieverletzung beschloss, sich selbst neu zu lernen. Nicht durch Willenskraft. Nicht durch Disziplin. Sondern durch Aufmerksamkeit.
Seine Methode, die später seinen Namen trug, beruht auf einem einfachen Grundprinzip: Der Mensch bewegt sich so, wie er sich selbst wahrnimmt. Nicht so, wie er sein könnte. Nicht so, wie sein Körper tatsächlich beschaffen ist. Sondern so, wie sein Nervensystem gelernt hat, ihn zu repräsentieren.
Diese Selbstrepräsentation entsteht früh. Durch Erfahrungen. Durch Schmerz, durch Anpassung, durch das Beobachten anderer. Wir formen Gewohnheiten der Bewegung, die irgendwann unsichtbar werden. Die sich anfühlen wie Natur, obwohl sie Geschichte sind.
Feldenkrais nannte das: die Tyrannei der Gewohnheit.
Und er sagte: Wenn du dir nicht bewusst bist, was du tust, kannst du nicht wählen, ob du es ändern willst.
Der Körper beim Schreiben
Setz dich jetzt einen Moment hin. Achte darauf, wie du sitzt. Wo sind deine Schultern? Wie hält dein Nacken den Kopf? Ist dein Atem flach geworden, ohne dass du es gemerkt hast?
Die meisten Menschen, die schreiben, sitzen in einer Art innerem Panzer. Die Schultern hochgezogen, der Kiefer leicht angespannt, die Brust eingesunken. Der Körper bereitet sich vor – auf was genau, weiß er selbst nicht mehr. Vielleicht auf Kritik. Vielleicht auf das Scheitern. Vielleicht auf die Stimme von irgendjemandem, der irgendwann einmal sagte: *So geht das nicht.
Dieser Zustand hat einen Namen in der Körperarbeit. Man nennt ihn manchmal: Schutzspannung. Und er ist klug. Er war einmal klug. Er hat einmal etwas geschützt.
Aber er kostet Energie. Und er kostet Fluss.
Wenn der Schreibblock kommt, schauen die meisten auf den Inhalt. Sie suchen nach der richtigen Idee, dem richtigen Anfang, der richtigen Struktur. Dabei liegt die Blockade oft früher. Sie liegt im Körper. In den Schultern. Im Atem. In der Art, wie der Mensch sich selbst im Raum hält.
Feldenkrais öffnet genau hier eine Tür.
Bewusstsein durch Bewegung
Die bekannteste Form seiner Methode heißt: Awareness Through Movement – Bewusstsein durch Bewegung.
In einer solchen Lektion bewegt man sich langsam. Sehr langsam. Man macht kleine Bewegungen, die seltsam und unbedeutend wirken. Man dreht den Kopf. Man atmet. Man verschiebt das Gewicht. Man fragt sich: Was passiert, wenn ich nur *das* tue?
Keine Anstrengung. Keine Korrektur. Keine Vorstellung vom Ideal.
Nur Beobachtung.
Und in dieser Beobachtung passiert etwas Merkwürdiges. Der Körper beginnt sich zu sortieren. Nicht weil man ihn zwingt. Sondern weil das Nervensystem Informationen bekommt, die es lange nicht hatte. Weil der innere Lärm leiser wird. Weil Raum entsteht – zuerst im Körper, dann im Denken.
Dieser Raum ist der kreative Raum.
Schreiben als Bewegung
Kreatives Schreiben ist in seinem Wesen eine Bewegung. Eine innere Bewegung, die nach außen drängt. Wie Wasser, das fließen will, aber einen Weg braucht.
Wenn der Körper verspannt ist, verengt sich dieser Weg. Die Bilder kommen nicht. Die Sätze brechen ab. Man kämpft gegen sich selbst und merkt nicht einmal, dass man kämpft.
Feldenkrais würde sagen: Weniger Anstrengung. Nicht mehr.
Das klingt paradox für Menschen, die gelernt haben, dass gute Arbeit Mühe kostet. Dass man durchhalten muss. Dass Talent eine Frage von Disziplin ist.
Aber die Erfahrung sagt etwas anderes.
Die besten Texte entstehen in einem Zustand, den man kaum festhalten kann. Man ist wach, aber nicht angespannt. Präsent, aber nicht verbissen. Es gibt einen alten Begriff dafür, den Mihaly Csikszentmihalyi später *Flow* nannte. Dichter kannten diesen Zustand schon immer. Sie nannten ihn die Muse. Das Kommen der Worte.
Es ist kein Geheimnis. Es ist ein Zustand des Nervensystems.
Und dieser Zustand lässt sich vorbereiten.
Vor dem Schreiben: Eine kleine Feldenkrais-Praxis
Ich schlage keine Übung vor, die man korrekt ausführen muss. Ich schlage eine Einladung vor.
Setz dich an deinen Schreibort. Leg die Hände in den Schoß. Schließ die Augen, wenn das angenehm ist.
Dann tue einfach dies: Beobachte, wo dein Körper Kontakt zur Unterlage hat. Zur Stuhlfläche. Zur Lehne. Zum Boden unter den Füßen. Nicht bewerten. Nur spüren.
Dann atme einmal tief aus. Lass den Atem kommen, wann er kommen will.
Dann bewege den Kopf ganz langsam zur Seite. Nur so weit, wie es mühelos geht. Nicht weiter. Halte kurz inne. Komm zurück. Mach das dreimal auf jede Seite.
Dann lass die Schultern fallen – nicht drücken, nur loslassen.
Dann öffne die Augen.
Das dauert vielleicht drei Minuten. Vielleicht vier.
Was in diesen Minuten passiert, ist kein Wunder. Aber es fühlt sich so an.
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